Konstantin Wecker mit weisem Humor

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

07.03.2005

Quelle

Oberhessischen Presse

Autor / Interwiever

Gabriele Neumann

Nicht mehr ganz jung, aber immer noch schön: Konstantin Wecker bleibt einer der größten deutschen Liedermacher - und in der selbstironischen Abgeklärtheit des Alters noch überzeugender als in seiner "Revoluzzer"-Zeit.

Es ist die spannende Mischung aus Lyrik, Balladen und Pianogestützten Kampfliedern, die Konstantin Wecker auszeichnet. Und es ist die fast familiäre Atmosphäre unter den drei Musikern und Bandleader Wecker, die die 900 Besucher in der Marburger Stadthalle schon beim zweiten Titel in rhythmisches Klatschen ausbrechen lassen.

Wecker kokettiert mit seinem Alter - immerhin ist er schon 57 - kommt pfeifend auf die Bühne geschlendert und packt dann auch noch seine Lesebrille aus. Ja früher, da habe er noch gewusst, was er sei, sei auf die Bühne gestürmt 96 und tut´s, setzt sich an den Flügel und hämmert nach Wecker-Art gekonnt in die Tasten.

Überhaupt kombiniert Wecker in seinem aktuellen Programm geschickt Titel aus den 70er Jahren mit neuen Stücken. Die sind durchweg ruhiger, aber auch komplexer als die Lieder aus der "Genug ist nicht genug"-Zeit. Dazu trägt vor allem Percussionist Hakim Ludin bei.

Mit außergewöhnlichen Gegenständen, Muscheln, Hölzern, Glockenspielen, und Trommeln aller Art bereitet er das Rhythmus-Fundament, auf dem Wecker, Keyboarder Jo Barnikel und Multiinstrumentalist Norbert Nagel agieren können.

Nagel ist für die sanften Töne zuständig, mit Querflöten, Klarinetten und Saxophonen zaubert er oft mit wenigen Tönen eine ganz intensive Stimmung in den Saal. Barnikel und Wecker verstehen sich musikalisch wie ein gut eingespieltes Ehepaar.

Das Publikum ist schlicht begeistert - auch von den ruhigen Titeln des zweifachen späten Vaters Wecker, der allerdings in seiner Bühnenbiographie die schwierigen Jahre nach seiner Kokain-Affäre 1995 auslässt; sich mehr auf die Klammer zwischen dem Anti-Nazi-Lied "Vaterland" aus den 70er Jahren und dem Alters-Anarchie-Song "Präposthum" aus dem vergangenen Jahr verlässt.

Dass er dabei zu der "seltenen Spezies" gehört, die "den Text sogar vergisst, wenn er vor mir liegt", macht den Zuschauern genauso wenig aus wie dem charismatischen Sänger, Texter und Komponisten.

Die hervorragenden Musiker tragen dazu bei, dass man sich bald wie bei einer spontanen Session fühlt. Da spielt Norbert Nagel in Weckers sarkastischer Kleinbürger-Persiflage "Stilles Glück, trautes Heim" mal eben ein Volkslied an und Wecker kontert: "Mit Norbert hätte ich die Chance, auch mal am Samstagabend ins Fernsehen zu kommen, beim Mutantenstadl".

Wecker, in Leinenjackett, Turnschuhen und Hemd über der Jeans, ist etwas grauer geworden - aber nur auf dem Kopf. Seine Musik, in allen Facetten zwischen Kirmesrummel, Chanson und Blues, ist bunt und zeigt, dass intelligente Unterhaltung kein Widerspruch in sich ist.

Denn texten kann der Sohn eines Opernsängers immer noch so schön wie vor 30 Jahren. Deshalb ist seine rhetorische Frage, ob das denn alles Sinn gehabt habe, was er so in den vergangenen Jahrzehnten geschrieben habe, "schließlich ist die Welt trotz der pazifistischen Lieder nicht friedlicher geworden", auch eher rhetorisch.

Wie immer lässt Wecker sich bei den Zugaben glücklicherweise nicht allzu lange bitten. Die fünf Zugaben wären bei manch anderem Künstler die Hälfte des Konzerts. Auch da wieder abwechselnd Evergreens wie "Ich lebe immer am Strand" und - ganz zum Schluss der Titel, in dem auch "am Flussufer" vorkommt, "Schlendern".

Der ist so ruhig, dass vor dem finalen Beifallssturm erst einmal eine kurze Stille eintritt. Und Wecker verabschiedet sich mit einem Zitat des berühmten Cellisten Pablo Casals: "Es ist nicht unbedingt der Beifall, es ist die Stille, die den Künstler ehrt." Alle Achtung.