Menschen zu sich selber bringen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

07.03.2005

Quelle

Weser Kurier

Unvergleichlich, die rauchige, schwermütige, kraftvolle Stimme mit dem bayrischen Unterton. Drei Jahre vergingen seit der letzten LP "Vaterland". Unser Mitarbeiter Hans Czerny sprach mit Konstantin Wecker über seine neue CD, die der Künstler am Dienstag bei seinem Gastspiel in der Glocke um 20 Uhr vorstellen wird. "Am Flussufer" ist weniger politisch, dafür sehr romantisch, manchmal anarchisch und kabarettistisch, zitatenlastig und abwechslungsreich. Musikalisch begleiten ihn Jo Barnikel, Hakim Ludin und Norbert Nagel.

Frage: Drei Jahre vergingen seit Ihrer letzten LP. Inzwischen machten Sie Solo-Tourneen, komponierten Filmmusiken und spielten in Filmen. Trotzdem: Ist das nicht auch für Sie eine lange Zeitspanne?

Wecker: Drei Jahre sind eine sehr lange Zeit. Früher ging das bei mir eher ineinander über, das Vertonen von Stücken, CDs, Tourneen. Bei meinem neuen Album wartete ich auf die Texte, bis sie passierten. Wahrscheinlich werden die Abstände zwischen den Platten im Alter aber auch immer größer. Ich bin gelassener geworden.

Die Lieder Ihrer neuen CD sind äußerst romantisch. Aber es gibt auch satirische Texte. Einer, nämlich "Däumlingsgesetze", ist ein vertontes Kinder-Stück. Andere sind sehr kabarettistisch, ein bisschen wie aus den 50er Jahren.

Stimmt. Es "kreislert" geradezu, hat - im Boogie-Stil - Anklänge an Georg Kreislers boshafte Kabarett-Fantasie. Was den Däumlingstext anbetrifft: Dazu ist mir die Idee nachts auf einem Spaziergang gekommen. Als ich meiner Frau die Geschichte vom Däumling Lichtenhäuser und dem mächtigen Herrn Sonderhagen erzählte, der ihn fertig macht, hat sie mich für verrückt erklärt. Aber der Produzent war sofort begeistert. Jetzt ist die Geschichte auf der CD, und ich wage zu behaupten: Das ist ein politischer Text über Willkür und Abhängigkeiten.

Aber im Großen und Ganzen vermeiden Sie ja diesmal geradezu die Politik.

Politische Auftragsnummern mag ich nicht. Nur bei meinem Song wider die Neonazis habe ich das gemacht. Mir selbst geht es bei meinen Konzerten vor allem darum, die Menschen dazu zu bringen, sich selbst zu finden.

Am eindrucksvollsten sind Liebeslieder wie "Lass mich einfach nicht mehr los". Trägt das biografische Züge?

Ja und nein. Liebeslieder sind nun mal die wichtigsten Songs der Welt. Es ist ja nicht so, dass man in solchen persönliche Beziehungen beschreibt oder gar aufarbeitet.

Sie gelten als ein Großmeister der pathetischen Gefühle.

Diesmal bin ich weitaus weniger pathetisch als sonst, auch wenn ich nach wie vor keinerlei Angst vor Leidenschaft und vor Gefühlsausbrüchen habe. Wenn manche meiner Lieder rührend wirken, dann kommt das vor allem aus der Musik. Anders als die meisten Songschreiber und Liedermacher schreibe ich zuerst die Texte.

Sind Sie politisch noch aktiv?

Nach wie vor. In erster Linie trete ich immer noch in Liedern wie "Flaschenpost" (der Text stammt von Adrian Ils), in das meine Irak-Erfahrungen eingeflossen sind, für den Frieden und gegen die Armut ein. Soeben habe ich mit anderen Künstlern die hessische Sozialcharta unterschrieben, in einem Zusammenschluss mehrerer Künstler wider den Sozialabbau. Ich bin auch mit der neu gegründeten Wahlalternative in Kontakt. Es ist einfach notwendig, nochmal eine linke Partei zu gründen. Parteimitglied werde ich aber nicht, das wäre der Tod für meine Kunst.