Der billige Genuss

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

28.10.2004

Quelle

Sächsische Zeitung

Autor / Interwiever

Rainer Kasselt

Konstantin Wecker liest aus seinem zweiten Roman und singt alte und neue Lieder
Von Rainer Kasselt

Der Liedermacher und Komponist Konstantin Wecker zieht die Besucher schnell in den Bann. Mit angenehm kräftiger, dunkler Stimme liest er aus seinem neuen Roman "Der Klang der ungespielten Töne". Der zweite Roman, nach dem Erfolg von "Uferlos". Schon erstaunlich, wie souverän sich Wecker (57) in diesem Genre bewegt. Bei der Lektüre stört das übertriebene Pathos, der spirituelle Ton. Bei der Lesung ist davon wenig zu bemerken. Da passt dieser Stil plötzlich zu ihm, werden Person und Text eins. Es ist ein Genuss, Wecker zuzuhören. Der Leidenschaft, der Kraft, der Emotion, die er verströmt. Der Augenblick gehört ihm ganz. Das Publikum im ausverkauften Haus des Buches Dresden liebt und feiert ihn.

Musikalische Hurerei und verplempertes Leben

Am Ende wird sich Wecker ans Klavier setzen und einige alte und neue Lieder anstimmen. Er singt mit vollem Einsatz, als wäre er im Konzert vor dreitausend Leuten. Und stellt Geschichtenlieder vor, die im nächsten Frühjahr auf einer CD herauskommen. In einem Text fragt er, unter Anspielung auf seine Drogenaffäre und die Verhaftung: "Das ganze schrecklich-schöne Leben noch einmal wagen?" Die Antwort kommt ohne Zögern: Ja.

Wecker hat ein Buch über die sinnlichen Freuden und Gefahren der Musik geschrieben. Einen Roman über den Musiker Anselm Cavaradossi. Den Namen hat dieser seinen opernliebenden Eltern zu verdanken. Cavaradossi heißt der junge Held in der Puccini-Oper "Tosca". Anselm ist talentiert, berechtigt zu großen Hoffnungen und verschleudert seine Begabung. Schreibt Musiken für die unerträglichsten Filme, komponiert Melodien für die dümmste Werbung, arrangiert Lieder für den schlechtesten Geschmack.

Und kassiert für diese musikalische Hurerei sündhaft viel Geld. "Man merkte den Tönen an, wie sie hinter dem Geld her waren." Anselm lässt keine Party aus, lebt mit der falschen Frau und verplempert sein Leben. Das ändert sich erst, als er die Cellistin Beatrice kennen lernt.

Sie öffnet ihm nicht nur die Augen, auch die Ohren für die Schönheit der Liebe, der Musik, des Daseins. Erst jetzt wird ihm bewusst, dass sich das Wesen der Musik nur fern vom Lärm der Welt, in der Stille entfalten kann. Anselm ist für den Kommerz verloren, büßt seine Aufträge ein. Doch sein gesellschaftlicher Abstieg wird zum persönlichen Aufstieg. Der Roman kann die kolportagehaften Züge nicht verbergen. Will er auch nicht. Dem Autor geht es um die Botschaft: Verrate dich nicht, opfere dich nicht für billigen Genuss, geh für ein vermeintliches Glück nicht über Leichen.

Sein Credo: Tobe, zürne, misch dich ein!

Es handele sich definitiv um keine Autobiografie, sagt Wecker. "Viele Menschen schreiben eine Autobiografie, die keine Biografie haben. Ich hätte eine, hebe sie noch auf." Nein, es ist keine Autobiografie. Aber gewisse Ähnlichkeiten zwischen Held und Autor lassen sich nicht übersehen. Auch Wecker kehrte lange Zeit den dicken Max heraus: großes Auto, großes Geprotze, großer Rausch. "Meine Lieder waren klüger als ich", sagt er heute. Auch er ist wie Anselm der Oper verfallen: "Ich liebe Puccini über alles und komme an keiner Tosca oder Turandot vorbei." Auch er hat einen Sänger-Vater, mit dem er als Kind am Klavier saß und die schönsten Liebesduette sang: "Ich war mit meiner Knabenstimme die Frau und mein Vater der Mann."

Wer mehr Gemeinsamkeiten sucht, dem sei der Band "Tobe, zürne, misch dich ein!" empfohlen. Ein Brevier von Bekenntnissen, Tagebucheintragungen und Reden. Eine Sammlung von Einmischungen und Ermutigungen. Auch der Roman will ermutigen: zur Stille, zur Einmischung und zu großer Zärtlichkeit.

Konstantin Wecker, Der Klang der ungespielten Töne, Ullstein, 160 S., 15 Euro Tobe, zürne, misch dich ein!, Eulenspiegel Verlag, 224 S., 12,90 Euro