Ich gestatte mir Revolte

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

03.11.2004

Quelle

Nordkurier

Liedermacher Konstantin Wecker über Denken, Sprache, Bildung, über "Willy" und die Diktatur des Profits

Zinnowitz. Das neue Programm von Konstantin Wecker "Ich gestatte mir Revolte" feiert im gelben Theater Zinnowitz ´"Die Blechbüchse" Premiere. Unsere Mitarbeiterin Martina Krüger unterhielt sich vorab mit dem Liedermacher, Schriftsteller und "Einmischer" Konstantin Wecker.

Zurzeit stellen Sie Ihr neues Buch "Der Klang der ungespielten Töne" vor. Es ist nach "Uferlos" Ihr zweites Buch. Warum lagen fast zehn Jahre zwischen diesen Veröffentlichungen?

Geschrieben habe ich immer. Essays, ein Sachbuch über meine Drogengeschichte, das in Fachkreisen sehr wichtig ist. Ich habe wenige Gedichte geschrieben, in diesen Jahren und nur eine CD eingespielt. Ich führe das deswegen so deutlich aus, weil meine schwere Krise bei mir eine Verwandlung bewirkt hat.
Die Arbeit der Bewältigung einer Krise ist eine intellektuelle. Die Arbeit der Verwandlung dann eine non-rationale. Und ich schreibe immer aus der Inspiration heraus. Deswegen fällt es mir leicht, Musik zu machen - mehrere Musicals sind in dieser Zeit entstanden. Musik ist eine non-rationale Sprache, da kann die Inspiration fließen - sie wird nicht durch das Denken gestört. Mit der Sprache, die ja ein Mittel des Denkens ist, ist es viel schwieriger, ins Nicht-Denken zu gelangen. Die Höhe der Kunst in der Lyrik ist ja, mit dem rationalen Mittel Sprache in Sphären zu stoßen, in die man mittels Denken nicht gelangen kann. Das gelingt eigentlich nur Rilke. Alle anderen probieren das auch. Und dieses Buch war eigentlich kein Vorsatz, es ist wie ein längeres Gedicht entstanden.

Ihr neues Programm "Ich gestatte mir Revolte", das in Zinnowitz Premiere haben wird, hat einen ganz anderen Charakter. Ein musikalisch-literarischer Streifzug durch die Revolten der Jahrhunderte.

Die Idee stammt von Peter Meining, dem Bruder eines der beiden Pianisten. Bestimmte Autoren wie Dostojewski, Ernst Toller, Erich Mühsam werden in jedem Fall dabei sein. Und natürlich Oskar Maria Graf - das ist für einen Bayer ein Muss. Ich werde sicher auch Stellen aus meinem Buch lesen, die etwas mit Revolte zu tun haben. Das geht da weniger um politische Revolte als vielmehr um eine innere Revolte. Und beide gehören ja zusammen. Begleitet werde ich von zwei hervorragenden Konzertpianisten, die Klassisches spielen werden. Ursprünglich hatten wir noch erwogen, mit Songs von Brecht und anderen zu arbeiten. Aber es ist wohl besser, wenn ich als Sänger meine eigenen Lieder interpretiere.

Zumal Sie genug zum Thema "Revolte" zu singen haben. Was macht eigentlich Willy?

Dieses Lied, einst gegen Nazis in Deutschland geschrieben, ist nun fast drei Jahrzehnte alt. Damals haben sie den Willy erschlagen. Seither gehe ich sozusagen immer wieder mal an Willys Grab und erzähle ihm von den neuesten Entwicklungen in der Welt. Inzwischen gibt es die fünfte Version dieses "talking blues", dessen Inhalt aus momentanen Eingebungen, Tagebuchgedanken, Gesprächen mit Freunden entsteht. Die erste Version entstand, als Amadeu in Eberswalde erschlagen wurde. Später folgten Gedanken zu den Kriegen im Kosovo und im Irak.

Ihr erstes Konzert in der DDR fand 1985 auf der Insel Usedom statt. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Dieses Konzert wird ein völlig unvergleichliches Ereignis meines Lebens bleiben. Ich habe zum ersten Mal gespürt, was es heißt, ohne jegliche Ankündigung ein volles Haus zu haben. Es war ein Wahnsinn und eine sehr mutige Aktion, denn niemand von offizieller Seite war daran beteiligt. Später habe ich dann noch mal eine Predigt dort gehalten. Die einzige Predigt in meinem Leben bisher.

Gibt es aus Ihrer Erfahrung einen Unterschied zwischen dem Ost- und dem Westpublikum?

Ich habe immer noch den Eindruck, dass das Ostpublikum bei manchen Sachen genauer hinhört. Das war damals das wirklich Frappierende - dieses Hinterher-Hören der Texte, die Fähigkeit, mit Metaphern gut umgehen zu können. Und ich glaube, dass die Schulbildung im Osten besser war als im Westen. Sie war sicher in bestimmten Dingen etwas einseitig - aber inzwischen ist jedem klar, dass auch unsere einseitig war. In Zeiten des Irak-Krieges wurde dies wieder deutlich. Die Geschichte Amerikas ist im Osten wie im Westen - jeder nach seinem Gustos - einseitig dargestellt worden. Im Osten wusste man allerdings über die Kriege der Amerikaner besser Bescheid. Was haben die Amerikaner in Lateinamerika gemacht? Sobald sich ein Land dort selbst verwalten wollte, haben sie es verhindert. Es gibt viele Beispiele. Dazu gehört übrigens auch die Literatur, wo man sich im Osten meines Erachtens besser auskennt. Ich habe auch das Gefühl, dass mir die Leute nicht vergessen haben, was meine Lieder für sie in der Zeit vor der Wende bedeutet haben - und das hat sich auch auf eine jüngere Generation übertragen.

Der Osten wird gerade mal wieder gescholten. Montagsdemo sollten, dürfen, können nicht sein.

Wobei ich gar nicht glaube, dass es um Hartz IV geht. Es geht um etwas viel Schrecklicheres. Wir geraten weltweit in die Diktatur des Profits und die demokratischen Rechte verlieren zunehmend. Wenn ich mir ansehe, was in der neuen EU-Verfassung verankert werden soll, wird mir angst und bange. Nicht nur dass der Neoliberalismus festgeschrieben wird, auch eine militärische Aufrüstung wird festgezurrt. Das sind Dinge, die man uns nicht erzählt. Man muss regelrecht wühlen, um sie irgendwo zu finden.
Und interessanterweise ist die Bundesregierung vehement dagegen, dass wir uns mit einem Volksentscheid einmischen. Man versucht, uns einzureden, dass, wenn es der Wirtschaft besser ginge, es mehr Arbeitsplätze gäbe. Den Beweis ist man bisher schuldig geblieben. Diese Philosophie des Profits bringt die Konzerne dazu, umso mehr Arbeitsplätze zu streichen, je mehr sie blüht. Und als Düngung gibt es quasi noch saftige Steuergeschenke. Mit fast schon stalinistischer Impertinenz wird uns das Dogma des freien Marktes als einzig mögliche Wirtschaftsform eingepeitscht, und wer es wagt, über eine Wirtschaft nachzudenken, die der Gesellschaft und nicht nur einigen der wenigen Reichen nützt, wird verspottet oder mit Medienbann belegt. Die Welt wird nicht bestehen können, wenn die Super-Reichen nicht lernen zu teilen.

Trotzdem, die Montagsdemos bröckeln, irgendwie versucht jeder, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. Sind es nicht doch nur "Gespenster", die Sie da umgehen sehen?

Wenn die Demonstrationen bröckeln, was die Medien ja immer mit gewisser Häme vermelden, bedeutet das nicht, dass sich die Situation verbessert. Die wird weiter schlechter werden - und dann sehe ich genau die Gefahr, die sich schon bei der Landtagswahl in Sachsen andeutet. Die Rechten werden an Einfluss gewinnen. Neulich habe ich auf einem Nachrichten-Sender den Rechten-Führer sagen hören: "Hitler war ein großer Staatsmann." Wenn das wieder gesellschaftsfähig wird ... Und das passiert im Umfeld einer Gesellschaft, die den kleinen Mann schon lange an die großen Konzerne verkauft hat.

Haben Sie einen Gegen-Entwurf?

Natürlich nicht, und das ist auch gar nicht notwendig. Es geht erst mal darum, endlich die Propaganda aufzudecken und das Nicht-Hinnehmbare abzulehnen. Es hinzunehmen, dass Menschen als überflüssig angesehen werden, bedeutet zuzulassen, dass sich die Voraussetzungen für schlimmstmögliche Entwicklungen ausbreiten. Die Verweigerung von Respekt steht am Anfang aller Totalitarismen. In diesem Sinne ist es notwendig, dass man sich Revolte gestattet.

Premiere von "Ich gestatte mir Revolte" am Donnerstag,
11. November, 20 Uhr, im gelben Theater "Die Blechbüchse" Zinnowitz,
03971 208925.

BIOGRAPHIE

Engagierter und vielseitiger Künstler

Konstantin Alexander Wecker wird am 1. Juni 1947 in München geboren. Bereits mit fünf Jahren erhält er Klavier-Unterricht, hinzu kommen später Geige und Gitarre. Ab 1968 tritt der 20-Jährige als Solist auf. 1972 erscheint seine erste LP 96 "Die sado-poetischen Gesänge des Konstantin Amadeus Wecker".
Sein Album "Genug ist nicht genug" von 1977 bringt ihm den internationalen Durchbruch. Seine Ballade "Willy" wird zum Kult-Song, und Wecker erhält den Deutschen Kleinkunstpreis. 1978 erscheint Weckers erstes Buch "Eine ganze Menge Leben" mit Gedichten und Texten. Bis Anfang der 90er Jahre erscheinen fast jedes Jahr Langspielplatten. Neben Film-Musik beispielsweise für Margarethe von Trotta, Michael Verhoeven und Helmut Dietl komponiert er fürs Theater und spielt Film- und Fernsehrollen.
Im Roman-Debüt "Uferlos", 1992, bekennt er sich zu seiner Kokain-Sucht. Kokain-Besitz bringt ihm 1995 Untersuchungshaft. Im Jahr 2000 wird Wecker zu 20 Monaten auf Bewährung verurteilt. Der Künstler sagt später, dass die Verhaftung ihm das Leben gerettet habe.
Wecker engagiert sich in all den Jahren politisch. 1995 wird er mit dem Kurt-Tucholsky-Preis für seinen Einsatz für die Belange von Minderheiten gewürdigt. 2003 reist er in den Irak, um ein Zeichen gegen den drohenden Krieg zu setzen.(bila)