Konstantin Wecker gestattet sich Revolte

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

12.11.2004

Quelle

Nordkurier

Autor / Interwiever

Silke Vondran

Zinnowitz. Er war wieder da, nach fast 20 Jahren, mit seinem Gesang auf der Insel Usedom. Es war damals sein erstes und noch dazu illegales Konzert in der DDR. Wenige Kilometer vom damaligen Auftrittsort, der Kirche in Benz, brachte er im Theater "Die Blechbüchse" in Zinnowitz sein neues Programm "Ich gestatte mit Revolte" zur Premiere. Einige der Zuschauer waren auch damals dabei. Wie hat man sich, wie hat sich dieses Land, wie hat sich dieser Wecker verändert?
Es gab keinen Rückblick. Obwohl Wecker Texte vortrug, die ins 19. Jahrhundert zurückreichen 96 die Klavierstücke, von beiden Begleitern zart und kraftvoll zu Gehör gebracht, ebenso. Wecker setzte Schicksale in Bezug zu Umwälzungen, die Menschen umtreiben. Umwälzugen, die manch einer leidenschaftlich befördert, ein anderer vehement bekämpft. "Die eigene Seele ist ständig zu überprüfen", sagt der Song-Poet. Mit seinem neuen Programm knüpft er an die in den 80er Jahren beliebte, klassische Form der musikalisch-literarischen Programme an, aus denen man immer ein bisschen klüger nach Hause geht.

Im Bann des Lesenden

Das hatte Wecker wohl im Hinterkopf, als er aus dem Repertoire seiner bevorzugten Dichter Stücke zum Thema Revolte auswählte. Dem eigenen "Revoluzzer-Song", in dem erzählt wird, wie schwer es ist, den ganzen Tag zu "revoluzzen", folgte ein Brecht-Gedicht. Poulenc war Übergang zu Villon, von dem Wecker eine Ballade über Arme und Reiche las.

Wer nennt heute noch "arm" und "reich" beim Namen? Das ist doch unfein: Konstantin Wecker vermag auch lesend das Publikum zu bannen. Büchner ist Wecker in seiner Radikalität offensichtlich sehr nahe: Beeindruckend der Brief an die Eltern des Dichters, in dem Büchner seine Situation beschreibt, in der rohe Gewalt vorherrscht. Musik von Chatschaturjan geleitete Wecker zu einem drastischen Dostojewski-Text. "Blut und Macht berauschen", heißt es darin sinngemäß, "sie machen die Rückkehr zur Menschlichkeit unmöglich."

Von Oscar Maria Graf, Weckers bayrischem Favorit, gab es ein wunderbar satirisches Stück über eine Feier auf der ein gewisser Hutler, Hätler oder Hitler auftritt. "Es geht ums Tun und nicht ums Siegen", sang er im Lied über Hans und Sophie Scholl. Wecker ließ nicht locker. Zeigte auf Probleme, die die Welt bewegen. Da wirkte ein ironischer Hinweis auf den Bundeskanzler fast deplatziert.

Das Publikum war gebannt, wenngleich ein wenig irritiert ob der Dominanz des lesenden Wecker. Doch folgte es der neuen Dimension. Ein Programmzettel wäre ein Gewinn gewesen, manches hätte man noch einmal nachlesen mögen. Sich dem Heute nähernd, brachte Wecker zunehmend Wecker ins Spiel: Liebeslieder, Komödiantisches über Kleinbürger, etwas über die innere Revolte, die zum Selbst führt. Nach gut drei Stunden trennten sich Künstler und Publikum erschöpft, aber glücklich.