Hinabgestiegen in die Schlager-Hölle

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

02.12.2004

Quelle

Abendzeitung München

Autor / Interwiever

Anja Dürrmeier

Autobiografische Züge: Konstantin Weckers zweiter Roman "Der Klang der ungespielten Töne"

Anja Dürrmeier, Abendzeitung München, 2.12.2004

"Der Klang der ungespielten Töne" ist kein autobiografischer Roman. Darauf legt Konstantin Wecker Wert, denn er möchte nicht mit jenen "Hochglanzmenschen" verglichen werden, "die Biografien schreiben und gar keine haben". Dass eigene Erfahrungen in seinem zweiten Buch (Ullstein, 159 Seiten, 15 Euro) anklingen, steht außer Zweifel. Schließlich geht es um einen jungen Musiker, der im verlogenen Musikbusiness Karriere macht, beinahe dem Wahnsinn verfällt - und geläutert aus der Krise hervorgeht.

Sein Name ist Programm: Anselm Cavaradossi Hüttenbrenner, benannt nach dem Tenor in Puccinis "Tosca". Aus einer Musikerfamilie stammend und seit früher Kindheit am Klavier ausgebildet, begegnet er dem enigmatischen Lehrer Karpoff. Etwas Mephistophelisches wohnt dieser Figur inne, und bald gerät der Protagonist auf der faustischen Suche in ihren Bann.

Die ersten Ideen für den Roman schrieb der Liedermacher "wie im Rausch" in drei Wochen nieder, arbeitete vier Jahre lang an seinem Text. Ein sicheres Gefühl für Rhythmus beweist Wecker auch beim Schreiben. Kraftvoll poetisch erzählt er von Anselms Aufstieg und Fall, der sein Talent an Mammon und schnellen Ruhm verrät. Der als "Arrangeur von Schlagertand, auf dem Zenit seiner musikalischen Hurerei" eine Ehe ohne Liebe mit Emanze Frauke eingeht, die ihren scharfen Verstand bevorzugt dazu einsetzt, die Schwächen ihrer Mitmenschen zu sezieren, aber "der Zugang zum eigenen Gemüt nicht findet". Mit Humor übt Wecker Kritik am ideologischen Zeitgeist, beschreibt die Abgründe einer rein intellektuellen Weltanschauung, die einer spirituellen Suche keinen Raum zugesteht.

Durch die "kalte Weisheit" Karpoffs und das auf den gesellschaftspolitischen Wert reduzierte Kunstverständnis Fraukes fühlt sich Anselm "seines Lebenssaftes beraubt". Hinabgestiegen in die Hölle der Hits und Charts, begegnet er der Cellistin Beatrice. Kein Zufall, dass diese Inkarnation altruistischer Liebe den Namen von Dantes Angebeteter trägt. Auch wenn Wecker betont, "kein Bildungsbürger" zu sein, hat der bekennende Pathetiker und "Goethe-Fanatiker" ein leidenschaftliches Verhältnis zur Musik: "Ich fliege auf den Tönen eines Puccini aus meiner Klause hinaus in Paläste", schwärmt Wecker.

Sein Protagonist wird auf der Suche nach der verlorenen Unschuld von inneren Dämonen heimgesucht. Erst das Wiedersehen mit dem sterbenden Vater, der sich dem Diktat des Erfolgs verweigerte, befreit Anselm aus dem "Gefängnis der missbrauchten Töne". Mit der Figur des Musikers, der seiner inneren Stimme folgte, wollte Wecker seinem eigenen Vater ein Denkmal setzen.

Und so weist sein Buch, das in der Tradition des klassischen Bildungsromans steht, aber auch als musikalisch-philosophisches Traktat gelesen werden kann, doch eine gewisse Nähe zum Leben Konstantin Weckers auf: Es ist eine wortgewaltige Liebeserklärung an die Musik.

Konstantin Wecker liest am 4.12. um 20 Uhr im Gasteig (München).