Superreichen das Handwerk legen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

31.12.2004

Quelle

Junge Welt

Autor / Interwiever

Claudia Wangerin

Neue gesellschaftliche Modelle sind nötig. Produktionsmittel müssen in Gemeineigentum überführt werden. Ein Gespräch mit Konstantin Wecker

Konstantin Wecker ist Sänger und lebt in München

F: Sie haben das Glück, Arbeit und Selbstverwirklichung verbinden zu können, was für viele nur ein Traum ist. Wie paßt Ihrer Meinung nach die sogenannte Arbeitsmarktreform "Hartz IV" zu einem solchen Traum?

Das ist eine harte Frage. Ich selbst habe es gut getroffen - es war auch immer mein Ziel, das so gestalten zu können. Aber mir ist klar, daß das für einen großen Teil der Bevölkerung nicht möglich ist. Ich frage mich beim Thema Hartz IV langsam wirklich: Wie demokratisch ist ein Land noch, das einseitig die Interessen der Geldbesitzer vertritt?

F: Sehen Sie in diesen "Reformen" auch ein Druckmittel gegen Beschäftigte, die noch Arbeit haben?

Vor ein paar Wochen hat der US-amerikanische Mutterkonzern von Opel, General Motors, damit gedroht, den Standort Rüsselsheim nach Schweden zu verlegen, wenn die Arbeiter nicht auf Lohnerhöhung verzichten. Mit dieser Art Erpressung leben wir hier seit Jahren. Ich bin ein großer Fan der Artikel 14 und 15 des Grundgesetzes: Die erlauben die Überführung von Produktionsmitteln und Grundbesitz in Gemeineigentum. Daran denkt kein Mensch mehr, daß wir diese Artikel haben. Man muß sich aber fragen, wann man damit beginnt, den Konzernen das Handwerk zu legen. Es geht nicht um altlinke Ideen oder darum, irgendwelchen Mittelständlern die Villa wegzunehmen, sondern darum, den paar Prozent Superreichen das Handwerk zu legen. Die haben durch ihren Reichtum einfach zuviel Macht.

F: Was halten Sie von den geplanten "Agenturschluß"-Aktionen?

Ich meine, daß es jetzt darauf ankommt, so viele basisdemokratische Aktionen wie möglich zu starten. Es wird die einzige Möglichkeit sein, die Regierung noch zum Umdenken zu bewegen - obwohl ich da, ehrlich gesagt, skeptisch bin.

F: Weniger etablierte Künstler und Musiker sind als Saisonarbeiter selbst von den "Hartz-Reformen" betroffen. Kennen Sie Künstler, die sich dagegen organisieren?

Ich habe mich mit ein paar Leuten in Hannover getroffen - mit Gewerkschaftern und ein paar Leuten von "Künstler gegen den Krieg". Wir wollen Ideen für Kulturaktionen im kommenden Jahr entwickeln. Das ist noch im Aufbruch, aber wir wollen auf jeden Fall etwas tun.

F: Wann übt ein arbeitsloser Musiker für sein nächstes Engagement, wenn es zumutbar ist, ihn acht Stunden am Tag Laub fegen zu lassen?

Ich kenne einen Haufen Leute, die ähnlich betroffen sind - zum Beispiel einen Iraker, der ein grandioser Musiker ist und in einem Friseursalon arbeitet, wo er bestimmt keine Zeit zum Üben hat. Junge Musiker, die sich nicht sofort dem Allerweltssound unterwerfen, haben es heute schwerer als vor 20 Jahren. Nicht nur wegen Hartz IV, sondern auch wegen der ganzen Medienlandschaft.

F: Geld ist Zeit. Verkommt die Möglichkeit, einen kreativen Beruf auszuüben, wieder zum Privileg der Reichen - wie der Einkauf in Edelboutiquen?

Wenn man in München durch die Maximilianstraße geht, fragt man sich, wie diese sündhaft teuren Läden überhaupt Umsatz machen können - das geht nur durch ein paar Prozent wirklich Reiche. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Menschen, die wirklich arm sind. Wie weit die Schere auseinanderklaffen kann, habe ich in Lima gesehen: Ich habe dort vor einigen Jahren einen Mitarbeiter des Goethe-Instituts besucht. Der wohnte in einer Art Festung, bewacht von einer Privatarmee. Sein Schlafzimmer war wie ein Tresor, in dem man eine Woche lang mit einer Kalaschnikow und einem Funkgerät überleben kann. Wenn man mit dem Auto durch Lima fährt und irgendwo stehenbleibt, ist es sofort lebensgefährlich.

F: Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen?

Das Problem ist, daß über 95 Prozent des Landes einem Prozent der Bevölkerung, den Grundbesitzern, gehören. Wenn sie ein bißchen abgeben würden, müßten sie nicht in solchen Festungen leben. Aber ihre Gier ist anscheinend so groß, daß sie das in Kauf nehmen - obwohl dieses Leben für die Reichen selbst menschenunwürdig ist. Daran sehen wir, wohin die Welt steuert.

Wir brauchen neue gesellschaftliche Modelle, um dem Einhalt zu gebieten. Ich gehe davon aus, daß sich die nötige Umwälzung nicht durch einen einzelnen großen Denker wie Marx, sondern durch ein Netzwerk von Menschen vollziehen wird.