Ein hell klingendes Sprachkunstwerk

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

03.01.2005

Quelle

Internet

Autor / Interwiever

Reinhold Stansich

Anselm Hüttenbrenner - der Icherzähler des Werkes - ist ein musikalisches Genie. Bereits in jungen Jahren von den Eltern gefördert, ist er am besten Weg zu einem Vollblutmusiker. Diese Entwicklung wird durch das Treffen mit einem gewissen Herrn Karpoff noch verstärkt, der ihn in die Tiefen und Untiefen moderner E-Musik einzuführen versucht. Bald jedoch fühlt sich Anselm seinem Lehrer gewachsen und will auf eigenen Beinen stehen. Ein erfolgreicher aber unbefriedigender Abschnitt seines Lebens beginnt. Er verkauft seine Seele dem Kommerz und beginnt dem Wahnsinn zu verfallen.

In einer herrlichen Sprache schuf Konstantin Wecker ein Werk, das zum Teil wohl auch autobiografische Züge trägt. Wecker schafft es mit wenigen Worten Bilder zu malen, wie selten ein anderer Autor - aber eigentlich malt er keine Bilder; vielmehr formt er Klänge, Töne und Symphonien aus Worten, denn der Roman ist beinahe ausschließlich auf dem auditiven Kanal gefasst - d.h. die meisten Beschreibungen sind mit Begriffen aus dem Bereich des Gehörs geformt. Eine der Thematik absolut angemessene Art der Erzählung.

Um die wunderbare Sprache des Werkes zu vergegenwärtigen soll hier ein Absatz aus dem Werk zitiert sein. Dieser Absatz beschreibt den Eintritt des Protagonisten in die Pubertät in einer Art und Weise, wie es nur ganz Große können:
"Mit dem Verlust der engelsgleichen Knabenstimme verlor ich die künstlerische Selbstsicherheit, und mein traumwandlerisches Klavierspiel wich einem trotzigen Aufbegehren gegen alles, was mir geschenkt worden war. Der gefallene Engel sank mit seiner Stimme um ein paar Oktaven tiefer in die Niederungen der Fleischeslust."
Der zweite Satz ist ein Wunderwerk per se, ein Satz, an dem so mancher ein Leben lang arbeiten könnte und ihn dennoch nicht fertig bringen würde.

Die Charaktere werden sehr unterschiedlich entwickelt. Der Protagonist ist mit großer Tiefe dargestellt und erscheint sehr lebensnah. Manche der Figuren jedoch wirken beinahe klischeehaft; was allerdings nicht als störend empfunden wird, sondern eher ermöglicht, das Werk kurz und prägnant zu halten.

Wir haben es insgesamt mit einem Roman zu tun, der wirklich absolut zu empfehlen ist. Ganz egal wie man zu der Person Konstantin Wecker, seiner Musik und seinem Leben stehen mag, dieses Buch sollte man sich nicht entgehen lassen, es ist ein echter Leckerbissen.

(Reinhold Stansich; 11/2004)