Schwermut ist etwas Wichtiges

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

17.01.2005

Quelle

Thüringen Journal

In seinem Buch "Der Klang der ungespielten Töne", erzählt der Liedermacher Konstantin Wecker von einem jungen Musiker auf der Suche nach sich selbst und der Musik. Im Gespräch mit dem THÜRINGEN JOURNAL erzählt der Musiker von seinen Erfahrungen im Umgang mit der Schwermut und bei der Suche nach den stillen Tönen.

In ihrem Buch "Der Klang der ungespielten Töne" gibt es die Zeile: "Die Menschen müssen sich immer miteinander aussprechen, sie sollten sich lieber aussingen." Kann jeder Mensch singen?
Ich glaube, dass jeder Mensch singen kann. Die wenigsten trauen es sich zu. Singen heißt einfach, das Ausamten betonen und nicht wie wir es oft verkehrt machen, das Einatmen. In jeder Meditationsschulung ist es ganz wichtig, das Einatmen gar nicht ernst zu nehmen, sondern das Ausatmen. Ich habe gemerkt, wenn ich eine zeitlang nicht gesungen habe, geht es mir schlechter. Hier geht jetzt nicht ums öffentliche Singen sondern alleine für mich. Weil du beim Singen nicht ans Atmen denkst, sondern einfach nur den Ton fließen lässt. Es kann jeder Mensch singen, selbst die die hässlich singen. Es gibt ja welche, die wirklich nicht schön singen, aber die sollen auch singen. Die müssen ja keine Konzerte geben.

Was passiert in der "Atempause"?
Der Vergleich auf den Sie mich angesprochen haben, der kam ja von der Oper her. Das ist praktisch ein Hymnus auf die Oper, denn es ist wunderschön, wenn man seine Gefühle singt. Es gibt bestimmte Gefühle die kann man gar nicht anders als musikalisch rauslassen. In der Oper gibt es eine Atempause. Dann wenn das Orchester spielt. Dann lauscht man den Klängen.

Die Stille hat auch etwas unerträgliches, ist mit Schmerz verbunden. Gibt es einen Trick um diesen Schmerz auszuhalten?
Man sollte sich eben nicht austricksen. Das ist auch etwas was wir viel zu sehr lernen. Immer wieder sich selbst auszutricksen um genau den Schmerzen, denen wir auf die Schliche kommen sollten, zu entkommen. Ich glaube, es ist ganz wichtig seinen Schmerz zu spüren. Wir alle haben einen inneren Schmerz, ob er aus der Kindheit kommt oder vielleicht auch der große Schmerz den die Menschheit insgesamt verspürt, weil es eben doch so viel Tod und so viele Armut und soviel Leid gibt auf der Welt, auch wenn uns das nicht so augenscheinlich ist. Aber dieser Schmerz ist ganz wichtig. Der will raus gelassen werden, der will gehört werden.
Es gibt einen sehr schönen Satz von einem englischen Religionsphilosophen: "Vielleicht ist der Schmerz die einzige Möglichkeit Gottes auf sich aufmerksam zu machen." Vielleicht ist es ja wirklich nur der Schmerz und auch die Schwermut, die wir auch so gern verdrängen. Und durch dieses Verdrängen dieser Schwermut, die zu unserem Leben gehört, passieren dann Depressionen. Dann wird der Fall klinisch irgendwann, wenn ich die Schwermut nicht annehme. Aber die Schwermut ist doch was Wichtiges, ohne die Schwermut käme ich doch gar nicht auf die Gedanken, vielleicht mal Mitgefühl mit jemandem zu haben und ich habe festgestellt in meinem Leben, dass Menschen die einen großen Schmerz hinter sich haben oder gerade in diesem großen Schmerz stehen, die diesen Schmerz erleben und annehmen und akzeptieren und nicht verdrängen: Mit denen spricht sich es ganz anders, als mit Leuten die der Meinung sind, sie kommen ihr Leben lang am Schmerz eigentlich vorbei.

Was ist da der Unterschied beim Gespräch?
Über philosophische Themen, über spirituelle Dinge spricht sich es anders. Sie haben eine andere Vorstellung vom Leben, sie haben nicht mehr die Vorstellung, dass das Leben einzig allein da sei, um seinen narzistischen Gelüsten zu frönen.

Wie finde ich die in der heutigen Zeit Musik ohne Lärm? Kann diese Zeit überhaupt Musik ohne Lärm gebären?
Es gibt sie, man muss sie nur suchen. Also ich habe ja in meinem Buch einen Musiker zitiert, den ich sehr bewundere, Arvo Pärt. Das ist ein Musiker, der Musik ohne Lärm macht. Das Bestechende an ihm ist, dass er aus der Fülle schöpft und daraus einfach wird. Also er ist nicht einfach in seiner Musik, weil er es nicht anders kann, sondern du spürst diesen einfachen Tönen, diesen schlichten Tönen und den schlichten Klängen, dass sie von jemandem sind, der weggelassen hat. Das ist ein großer Unterschied, ob ich etwas weglasse oder ob ich etwas nicht mache, weil es mir gar nicht zur Verfügung steht. Es gibt sie schon. Es gibt einige Komponisten wo ich das Gefühl habe, es wäre lohnenswert sich die anzuhören und vielleicht dafür das übliche Radiogedudel mal weg fallen zu lassen.

Welche Komponisten gibt es heute noch?
Schnittke zum Beispiel ist ein moderner Komponist den ich sehr schätze. Ich mag übrigens Krzysztof Penderecki. Wenn ich in die Klassik zurücktrete fällt mir immer wieder Mozart ein. Meine geheime Leidenschaft ist Puccini, aber das ist jetzt ein anderes Thema.

Es gibt die vollen, heiligen Töne heute noch, aber man muss sie suchen. Sie stehen nicht im Rampenlicht.Das ist so ein bisschen wie bei Büchern auch. In dem Moment wo ich bereit bin bestimmte Themen zu erfahren finde ich auch die richtigen Bücher. Das habe ich in meinem Leben immer festgestellt. Ich krieg sie dann geschenkt oder ich geh in die Buchhandlung und dann greif ich genau das Buch, das ich dann auch brauche. Man muss sich vorher dazu aufbereitet haben. Wenn ich natürlich nur die Beststeller-Listen durchgehe, wird mir das nicht passieren.

Buch und neues Album zur gleichen Zeit zum zweiten Mal. Das ist kein Zufall, oder?
Nein, nein. Eben nicht zur gleichen Zeit. Das Album kommt am 24. Januar, dass Buch ist schon vor einem halben Jahr raus gekommen. Das Buch habe ich schon vor vier Jahren begonnen und das Album wirklich erst im letzten Sommer, also insofern steckt da eigentlich kein Plan dahinter. Ich bin ganz froh, dass es sich so ergeben hat, weil es zeigt, dass wirklich etwas Neues mit mir passiert ist. Ich erkenne ja immer an dem was ich schreibe, was mit mir los ist. Ich gehöre nicht zu den Schreibern, die sich hinsetzen und ein Thema haben und das Thema dann bearbeiten können. Das können manche ganz bravourös. Ich kann das nicht. Ich muss warten, bis sich das Thema in mir selbst formuliert und dann geht es mir in einem eruptiven Vorgang nach draußen und dann stehe ich meistens davor und denke mir: "Donnerwetter, das geht also in dir vor. Das hätte ich nicht gedacht."

Herr Wecker, vielen Dank.