Vom Absturz aus den Himmeln der Kunst

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

07.02.2005

Quelle

Leipziger Volkszeitung

Autor / Interwiever

Ralph Gambihler

... In Weckers neuem Buch "Der Klang der ungespielten Töne" geht es um eine andere Droge: die Musik. Der Autor widmet ihr 160 philosophisch angehauchte, zarte bis süffige Seiten. Er erzählt vom Werden und Schaffen eines Musikers, von seiner Suche nach künstlerischer Bestimmung, von seinem Höhenrausch und Absturz. Der philosophische Gehalt ist im komödientauglichen Namen der Hauptfigur angedeutet. Anselm Cavaradossi Hüttenbrenner, ein musikalischer Heißsporn, schwankt zwischen einer asketisch-geistigen und einer rauschhaft-sinnlichen Musikauffassung. Anselm steht dabei für Anselm Feuerbach, für Idealismus, für akustische Entsagung. Cavaradossi dagegen ist Puccini, ist Power, ist der sinnliche Rausch der Töne.
Die zwei Seelen in seiner Musikantenbrust bringen den viel versprechenden Nachwuchspianisten erstmal voran. Als Student wird er der Jünger eines russischen Avantgardisten, dessen klösterliche Oktavenkunst nach strengen Regeln figuriert. Später wendet er sich dem Musikbusiness zu, wird ein gefeierter Filmkomponist und Society-Löwe. Auf dem Gipfel dieser zweiten, von Selbsthass begleiteten Kommerzkarriere entdeckt Hüttenbrenner die Stille und darin eine neue, innere Klangwelt. Das Hören ohne Ohren, die Erfahrung der Musik aus dem Nichts wird seine gefährliche Passion.
Ein nachdenkliches, melodramatisches Buch zu einem zeitlosen Problem: Wecker fragt wie viele vor ihm, Hermann Hesse etwa in "Narziss und Goldmund", nach der ewigen Konkurrenz von Geistigkeit und Sinnlichkeit, und er spinnt das Thema am konkreten Fall weiter. Nebenbei fällt erzählerisches Kapital an. Wer etwas über den Alltag von Großstadtmusikern erfahren will, wird mit Witz und Schärfe bedient. Sprachlich ist Wecker eine Überraschung. Bemerkenswert etwa, wie fein er einem Akkord, einem Geräusch, einem orchestralen Tumult nachlauschen kann. Das hat man dem leidenschaftlichen Liedermacher gar nicht zugetraut. ...