Zwischenbilanz mit Charme

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

11.08.2004

Quelle

Neue Presse Coburg

Autor / Interwiever

Christine Wagner

KONSTANTIN WECKER AUF DER WALDBÜHNE HELDRITT

VON CHRISTINE WAGNER

Alle waren sie gekommen: Junge und Alte, Junggebliebene und Alt-Bewegte - kurzum: Fans von Konstantin Wecker. Inzwischen sind die aufwühlenden Konzerte der 70er Jahre ein Stück weit Legende geworden, die Aufmüpfigen von damals (die mit der Bierflasche und den Rothhändle, Sie wissen schon) sind heute als Nichtraucher bei einem gepflegten Schöppchen Frankenwein angekommen - und dennoch: Alle lassen sich wieder mitreißen von diesem barock-bajuwarischen Kraftpaket, der äußerst virtuos am Klavier tobt und säuselt, der motzt, beschwört, geistreich selbstironisch plaudert und singt "weil er ein Lied hat".
Am vergangenen Montag machte Konstantin Wecker in Heldritt auf der Waldbühne Station, und in "Stationen" (so der Titel der diesjährigen Tournee) lässt er über 30 Jahre Liedermacher-Leben Revue passieren.

Die Reise beginnt mit einigen Ausschnitten aus seiner ersten LP (damals hieß das noch so), den "Sadopoetischen Gesängen des Konstantin Amadeus Wecker", bei denen man schon noch recht deutlich die Nähe zum bewunderten Georg Kreisler merkt. Doch schnell macht sich der Sänger-Poet in den Folgejahren von Vorbildern frei, kreiert seinen ganz eigenen Stil, wie in dem von Gottfried Benn inspirierten "Ich lebe immer am Strand" oder dem anderen "Evergreen" (darf man einen Wecker-Song überhaupt so nennen?) "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist".

Charmant und geistreich führt Wecker seine Zuhörer durch die Aufs und Abs seines Schaffens, er plaudert von einem Konzert in Köln, bei dem die vier Musiker auf der Bühne eindeutig gegenüber den zwei Zuschauern im Saal in der Überzahl waren. Und er erzählt davon, dass er nie bewusst das Ziel verfolgte, ein so genannter politischer Sänger zu sein.

Dann in den 70er Jahren kommt der Erfolg, "völlig überraschend", wie sich Wecker erinnert, und da hören wir sie wieder, die Songs, die uns damals aufrüttelten, bewegten, wo wir spürten: "Endlich ist da einer, der uns versteht, der das ausdrückt, was uns umtreibt": RAF-Hysterie, Berufsverbote, Radikalenerlass - und Wecker weckt auf mit Liedern wie "Es herrscht wieder Frieden im Land", und wie er sind wir der Meinung "Genug ist nicht genug".

Wie es sich für einen Abend mit Konstantin Wecker gehört, darf natürlich auch in Heldritt der Dichtertisch nicht fehlen: hier wird die Idylle von "Tomaten am Balkon" in der bayerischen Provinz beschworen: pointiert und witzig, amüsant und geistreich werden Anspielungen auf die Gegenwart in den Text verwoben.

Dann erinnert sich Wecker an den Erfolg, den er "in vollen Zügen" genoss, mit dem aber ideologische Forderungen einhergingen, wie und über was er seine Texte schreiben solle. Es folgten sein Rückzug nach Italien und danach eine neue Platte, "Liebesflug", die - wie Wecker sich erinnert - "ein Flop" war, denn die Stücke waren dem Publikum zu leise, zu innerlich, wie der Song "Wieder unten" belegt.

Pathologische Goethe-Verehrung

Vor der Pause fordert Konstantin Wecker noch "Bleib nicht liegen" und kommt nach der Pause mit dem Eingeständnis "I werd oid" ("Ich werde alt") wieder auf die Bühne und reißt einmal mehr sein Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Ebenso wie beim bluesigen "Wehdam", der "Urform des bayerischen Blues" aus der bislang letzten CD "Vaterland". Anschließend verleiht er am Dichtertisch seiner "pathologischen Heldenverehrung" für Goethe Ausdruck.

"Von der Kritik hochgelobt, aber kaum verkauft", mit diesem Eingeständnis gibt91s eine Kostprobe aus seiner CD mit Vertonungen von Bertolt-Brecht-Gedichten, und nachdenklich geht´s weiter mit "Schwermut".

Dann aber lässt er´s wieder fetzen: beim "Waffenhändler-Tango" und "Wenn die Börsianer tanzen" kriegen diese nicht unumstrittenen Berufsgruppen ihr Fett weg - sehr zur Begeisterung des Publikums. Nach einer aktualisierten Fassung von "Sag nein" folgt dann mit "Amerika" ein weiterer Höhepunkt, bevor der Abend mit "Was für eine Nacht" ausklingt.

Was, jetzt schon? Nein, das Publikum erklatscht und ertrampelt sich Zugabe um Zugabe. Und so erfährt man, dass die gegenwärtige Tournee "Stationen" nicht als Testament, sondern als Zwischenbilanz gedacht ist. Zurzeit wird eine neue CD produziert, und mit "Prä-Posthum" und dem "Sinn-Song" sowie poetisch-leisen Reminiszenzen an die Kindheit gibt Wecker einen Vorgeschmack auf seine neue Veröffentlichung, die seine Fans sicher wieder begeistern wird. Mit dem a capella vorgetragenen "Liebes Leben" verabschiedet sich Konstantin Wecker in Heldritt und entlässt sein dankbar-beschwingtes Publikum in die laue Sommernacht.