A Walk on the Wild Side

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

04.04.2004

Quelle

Hamburger Morgenpost

Ein fantastischer Konstantin Wecker mischt sich wieder ein

Wie ihr ja wisst, kommt der Blues aus Bayern", grinst Konstantin Wecker - "nach so vielen Jahren CSU kriegt man einfach den Blues." Die Besucher in der Fabrik johlen - um so mehr, als der Liedermacher mit Blick auf die neuen Verhältnisse in Ole-Stadt anfügt: "Aber der siedelt sich jetzt ja auch woanders an ..."

Und dann haut der 56-Jährige seinen "Wehdam"-Blues in den Flügel, wirbelt über die Tasten und improvisiert mit seinen genialen Multi-Instrumentalisten Jo Barnikel und Norbert Nagel wie im Rausch. Von wegen Blues und Melancholie, dieser "ältere Herr" (Wecker über Wecker) hat Biss und die Lust an der Ironie wieder entdeckt. Vergessen die Zeiten der Selbstlarmoyanz nach seinem "juristischen Zwischenfall" mit dem Koks, die alte Spielfreude hat ihn wieder gepackt.

"Stationen" hat der Bayer seine aktuelle Tour betitelt, und es ist nicht nur eine Reise in die eigene Vergangenheit, sondern auch in die seines mit ihm gealterten Publikums. "Frieden im Land", "Genug ist nicht genug": Da sind sie wieder die Zeiten, als wir aufstanden und uns seiner Forderung "Sag nein!" anschlossen, als wir mit dem Musiker gegen "Ausländerhatz und Berufsverbot" kämpften und von einer anderen Welt träumten.

Und doch sind diese beiden Abende in der Fabrik weit mehr als ein Blick zurück. Weil Wecker und seine beiden Musiker-Weggefährten mit neuen, aggressiveren Arrangements überraschen, jazzen, swingen und immer wieder "on the Wild Side walken". Weil der fantastische Pianist sich selbstironisch den Spiegel vorhält bei den Erinnerungen an dickbusige Köchinnen ("Meine Poesie damals war weniger von geistigen Höhenflügen als von Fleischeslust geprägt"). Vor allem aber, weil der einstige Rebell nach einer schwächeren Phase in den 90ern offenbar beschlossen hat, sich weiter einzumischen.