Wenn er die Depression hat, gefällt das dem Publikum

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

21.06.2004

Quelle

Saarbrücker Zeitung

Autor / Interwiever

Thomas Arndt

Konstantin Wecker mit seinen "Stationen" in St. Ingbert

St. Ingbert. Er steht am Samstag auf der Bühne wie sein Publikum ihn
immer schon kennt. Konstantin Wecker in Turnschuhen, Jeans und Jackett. Mit einem Grinsen und dann wieder sehr ernst erzählt er, im Singen, über sich und sein musikalisches Leben.
"Stationen" heißt sein aktuelles Programm. Und es führt in drei Stunden
durch ein Künstlerleben. Eingeladen hatte den 56-Jährigen der Verein
"Begegnungen auf der Grenze" nach St. Ingbert in die Stadthalle.
Zusammen mit der polnischen Sängerin Anna Treter, deren Chansons rockig
und modern daherkamen.
Wecker singt natürlich immer noch, "weil er ein Lied hat" und erzählt
den Zuhörern, dass er immer Poet sein wollte, nicht unbedingt politisch.
Das ist er dann aber doch geworden und so zeigt sich auch sein Programm.
Es beginnt mit den ersten "sadopoetischen" Versuchen und der
Kabarett-Zeit in München. "Freiheit ist ein bunter Vogel", versucht der
junge Wecker in einer Geschichte zu dichten. "Schmarrn", ist das
natürlich, grinst er heute. Dann verbindet sich Poesie mit Politik. Das
Publikum erlebt noch einmal, wie Wecker die Börsianer tanzen lässt, und
die Waffenhändler auch, wie er in rasend schnellen Worten "Sag Nein!"
fordert und Amerika an den Pranger stellt. Obgleich er da nie hinfahren
darf - er ist ja vorbestraft. Sarkastische, aber dennoch zarte Töne
findet er für seine Botschaften. Ebenso zornig wie sanft können seine
Lieder sein. Dabei ist Politik nicht alles. Schließlich gibt es auch die
schwierige Zeit im Alter zwischen 40 und 50, die er "im Dämmerzustand"
verbracht hat. Es folgt die Schreibblockade, Wecker kriegt den Blues,
weil´s ihm so "beschissen" geht. Die Vertonung der Depression bringt das
Publikum jedoch in beste Stimmung. Das ist gewollt und zeigt Weckers
Haltung zu sich selbst auf der Bühne: Ehrlich, ironisch ohne
Selbstmitleid oder gar Romantisierung seines Lebenswegs. Und wenn Wecker
bei der letzten Zugabe einen neuen Song vorträgt, fragt er sich, ob er
es noch einmal wagen will. "Ja", haucht er, aber energisch, während die
Scheinwerfer ausgehen, und er hinter seinem Klavier verschwindet.