Lasst uns miteinander reden!

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

20.07.2004

Quelle

Allgemeine Zeitung

Ovationen für Konstantin Wecker im ausverkauften Ilmenau-Theater

Im fast fertigen Hundertwasser-Musical-Bühnenbild, das der Arbeit "Der große Weg" des Malers nachempfunden ist, spielte Konstantin Wecker rund 150 Minuten lang.

Uelzen. Am Ende jubeln alle am Sonntagabend im nahezu ausverkauften Theater an der Ilmenau. Der dort zweieinhalb Stunden auf der Bühne stand, sie mit Präsenz, Lust, Witz und Schmerz ausfüllte, hat sie von den Sitzen gerissen, mit den alten und den neuen Liedern: Konstantin Wecker im Konzert.
Besonderen Glanz gewann der Abend dadurch, dass der Sänger biografisch war, der 57-Jährige hat gesungene Erinnerung im Gepäck, "Stationen". Und sein Credo liegt schon im ersten Titel: "Ich sing, weil ich ein Lied hab, nicht weil es euch gefällt." - Weckers Absage an fremde Vereinnahmung und gefällige Superstar-Allüren. Der große Junge in Jeans und (am Schluss durchschwitztem) schwarzem Hemd fühlt sich als Verwalter seiner Lieder, die er als Geschenke empfindet. "Man schreibt, was in einem drin ist und was raus muss!" So einfach ist das also mit der Poesie.
Konstantin Wecker singt von der Schwermut, die doch erst das Mitgefühl auch für andere Geschöpfe öffne, er erklärt das urbayrische Wort "Wehdam", die Art des Blues im blauweißen Freistaat, liest von wundersamen Falten im Busenansatz einer gewissen Dame und erzählt vom Älterwerden, in dem sich das Ego - voraus gesetzt, man hatte überhaupt eines - abbaut.
Er lässt die Börsianer tanzen, gesteht, "mir geht`s beschissen", empfiehlt in diesen Lebenslagen ein Buch von Proust, das von der verlorenen Zeit nämlich, und lässt die Waffenhändler in den berühmten (Kriminal)Tango verfallen.
Der Liedermacher redet über sich in diesem Konzert, aber er tut nicht das, wozu er alles Recht dieser Welt hätte: Er feiert sich nicht als Sieger einer konsequenten Antikriegshaltung, die ihn, als er vor dem Irakkrieg den Mut zur medialen Einsamkeit aufbrachte, und er sich hämische Kommentare gefallen lassen musste, zu einer Reise nach Bagdad aufbrechen ließ. Er wolle denen in die Augen schauen, auf die in naher Zukunft die Bomben fallen sollen, sagte er damals.
Nein, Wecker feiert sich nicht, er sorgt sich, nachdenkend, um diese Welt. Davon reden seine Lieder, die auch Lieder gegen den Krieg sind, gegen staatliche Repression ("Es herrscht Frieden im Land" ist über 30 Jahre alt!). Sie sind politisch und dennoch unangestrengt, sie mischen sich ein und bleiben gelassen, sie sind voller Zorn und doch mit Sanftheit gesegnet. Sie sind Herz und Hirn.
"Sag nein!" fordert der Barde seine Zuhörer auf, die sich längst eingelassen haben darauf, dass es ums Tun geht und nicht ums Siegen (Lied über Sophie und Hans Scholl). "Was für eine Nacht!" singt Konstantin Wecker in einer seiner Zugaben. "Ohne Waffen, ohne Grenzen, nur grenzenlos Wein!... Lasst uns miteinander reden! Da war auch im dunklen Saal eine Verbundenheit zu erspüren, die wohl keinen einsam ließ. Und: als wäre es plötzlich ganz einfach.