Der 100-Tage-Count-down

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

02.08.2004

Quelle

Neues Deutschland

Autor / Interwiever

Barbara Kaiser

Weltpremiere: "Hundertwasser - Das Musical" von Konstantin Wecker

Von Barbara Kaiser

Da hatte eine Stadt sich 100 Tage lang selbst gefeiert, hat den wohl längsten Count Down gezählt mit Hörenswertem und Sehenswertem in Lesungen, Kunstaktionen, Tanzperformances und Konzerten, um am großen Start ein wenig atemlos zu stehen. "100 Tage vor Hundertwasser" hieß das Programm in Uelzen (Niedersachsen), das seit dem 23. April Scharen anlockte. Und wenn die 100 Aufführungen nach der Weltpremiere des Musicals am Freitag, zu dem Konstantin Wecker die Musik und Rolf Rettberg das Libretto schrieb, auf genau solch großes Besucherinteresse stoßen, sollte sich das Ganze gelohnt haben. In einer Hinsicht ist die Aktion, die vor vier Jahren mit der Einweihung des Hundertwasser-Bahnhofs in der Stadt begann, aber jetzt schon ein Gewinn: Eine gewisse Genugtuung, dass die Musical-Weltpremiere nicht in Hamburg oder Hannover stattfindet, sondern wirklich am Ort der Initiatoren bleibt, schafft ein klitzekleines Wir-Gefühl, auch ein wenig Stolz auf das Erreichte, das so niemand für möglich gehalten hatte.
Das Ensemble der Landesbühne Hannover in Kooperation mit der Kulturförderungsgesellschaft Uelzen zeichnen verantwortlich für eine Aufführung (Inszenierung Gerhard Weber, musikalische Leitung Manfred Knaak), die ausschließlich die Prädikate eindrucksvoll und sehenswert verdient. Erzählt werden Lebensstationen von Friedensreich Hundertwasser, wobei eine Schiffsreise von Venedig nach Neuseeland die Metapher für den Weg (auch das stationäre Bühnenbild ist dem Werk "Der lange Weg" nachempfunden) des exzentrischen Wieners ist. Collagenhaft sind Bilder zusammengefügt, Dichtung und Wahrheit über die "gottlose gerade Linie", einen Künstler, Architekten und Ökologen. So erfindet Hundertwasser (Achim Conrad voller Verwunderung über die Unberechenbarkeit des Lebens) mit seinem Freund Brô (Ansgar Schäfer beeindruckend vor allem im Leisen) in Paris das erste Bild mit Spiralen, feiert mit Studenten und Brennnesseltee (!) die endlose Linie, ergibt sich aber auch Mr. Money (Theodor Reichardt als eiskalter Verführer mit der Mephisto-Geste "Her zu mir!"), der die "Time-is-money-copyright-maschine" kreiert, um Profit zu maximieren und mit wildem Cancan auftritt. Denn Mr. Money "hat zwar keine Ahnung von Kunst, aber einen Etat!"
Hundertwasser reist um die Welt, und das Publikum begleitet ihn. Lässt sich bezaubern durch die Lebensgefährtin Anemoki (stimmlich herausragend Christie Noza), erschrickt wie der Maler vor der blutigen Fahne Afrikas, und weiß, "dass Kunst nicht verändert, aber...uns manchmal zu Tränen rührt."
Quicklebendigen Spaß im Walzertakt haben die Zuschauer mit der Stadtkulturrätin von Wien (in göttlichem Aktionismus Angelika Wedekind), die kein Insulin braucht, weil die ganze Kultur schon zuckersüß ist, und die mit Mr. Money im Cha-Cha-Rhythmus ins Geschäft kommen wird.
Konstantin Wecker hat zu wunderbaren, intelligent-witzigen wie anrührenden Texten eine Musik geschrieben, von der sich schon nach dem ersten Hören Ohrwürmer ins Gedächtnis bohren. "Fahr´ übers Meer", der Titelsong, wenn man so will, ist ein herrlich synkopisches Wogen. Direkt ins Herz trifft das afrikanische Lied mit Bongotrommeln "Heilig der Krieg, das Blut, der Boden 96 und die Erde menschenleer. Und was heilig war und gelogen, weiß am Ende keiner mehr". Wecker bedient sich zügellos in der Musikgeschichte, zitiert Mozart und den "Fliegenden Holländer" - "Ich hasse Wagner!" schreit da der Bühnen-Hundertwasser! Dazu kommen zahllose musikalische Einfälle, die sich aus dem Einheitsbrei anderer Neuschöpfungen auf das Angenehmste herausheben.
Das Duo Rettberg/Wecker ist ein Glücksfall. Das hatte Konstantin Wecker bereits im Vorfeld betont, weil der Librettist so denke und dichte, wie der Tonsetzer Noten schreibe. Zu dieser Kongenialität gesellen sich ein Bühnenbild (Tina Kitzing) und Kostüme (Petra Beyer), die die Lust am Denken unterstreichen und nicht davon ablenken. So dreht sich zu "Im Fluge die Jahre vergehen", geschichtliche Rückblende und Anspielung auf die jüdische Familie der Mutter Hundertwassers, ein riesiges Hakenkreuz, unter dem der Menschenstrom ins Verderben zu ziehen gezwungen wird: "Es gibt noch ein 11. Gebot/ du musst deine Träume bewahren/denn wenn du sie trittst/ bist du tot." Dieses überdimensionale Zeichen von Krieg und Vernichtung wird später die Gondeln des Wiener Riesenrades tragen.
Das Musical hat unaufdringliche, aber eindringliche Bilder. Ist fröhlich bunt, aber nie vordergründige Performance. Komödiantisch-intelligent-ironisch und rasante Unterhaltung ohne falsches Pathos, schlüssig in Figurensicht und szenisch-optischer Erzählweise. Die Aufführung weckt starke Gefühle, besitzt allegorische Bilder, kaum Plakatives und viele klug versteckte Zeigefinger auf den Kulturbetrieb und eine (Globalisierungs-)Politik, die uns vielleicht schon lange Angst macht. "Der Friede ist ein Punkt am Horizont. Aber solange wir darauf zuhalten, haben wir weniger Zeit für Kriege", sagt Hundertwasser am Ende. Wir sollten gemeinsam die Segel setzen!

Gespielt wird bis zum 30. Oktober. Immer donnerstags, freitags, sonnabends (zwei Vorstellungen), sonntags. Karten - 35 Prozent sind schon ausverkauft - über Internet: www.hundertwassermusical.de oder telefonisch: 0581/389 35 85

(ND 02.08.04)