Lass dich ein

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

06.05.2004

Quelle

Neues Deutschland

Autor / Interwiever

Hans-Dieter Schütt

Konstantin Wecker in Berlin: "Stationen"

Von Hans-Dieter Schütt

In der Jugend gehören alle Gedanken der Liebe. Später dann gehört alle Liebe den Gedanken. Das nennt man: Älterwerden. Teuflische Manneskrankheit. Konstantin Wecker kann himmlische Lieder davon singen. Trotzig taufrische Lieder - unterm grauen Haaransatz. "Genug ist nicht genug".
Just das dachten an diesem Abend wohl viele, sie "erzwangen" vom Sänger und seinen beiden berückenden Musikern immer wieder Zugaben, und sie waren, das sah man gleichsam im Dunkel des Saals, durchaus beglückte Menschen ...
"Stationen" heißt die Tournee, mit der Konstantin Wecker sowie die grandiosen Norbert Nagel (Saxophon, Klarinette) und Jo Barnikel (Keyboards, Trompete) Anfang März in Düsseldorf gestartet waren und die nun mit sechs Konzerten im Berliner Theater am Kurfürstendamm endet.
Der Kerl Wecker kommt auf die Bühne, in Jeans, Hemd und Jackett, ohne großen Aufputz - und nach wie vor mit jener heiter ausladenden Kraft, die zugleich etwas Gutgläubiges, Naives ausstrahlt. Fast drei Stunden gesungene Erinnerung an große Erfolge, und doch liegt schon im ersten Lied all das schwer und höchst Errungene einer ganzen Laufbahn beschlossen: "Ich sing, weil ich ein Lied hab´". Weckers Absage an fremde Ansprüche, an gefällige Ziele, an Superstar(r)sinn. Er setzt die Brille auf und sagt, was er unter einem guten Lied versteht: ein Geschenk - als dessen Verwalter er sich fühlt; nicht weniger, aber auch nicht mehr. Poetikvorlesung, die nur Sekunden dauert: Ein gutes Lied, so Wecker, offenbare dem Sänger etwas vom Sänger - und zwar etwas, das der noch nicht weiß, wenn er zu schreiben beginnt.
Der 57-Jährige zaubert, improvisiert und herrscht ironisch im Abglanz des eigenen Mythos aus Rausch und Wildheit. Er wollte einst singen "Du bist wieder du" und sang "Du bist wieder zu." Ein König Kinderleicht im Rückblick - Weckers Immergrün ist gleichsam das Unkraut, das er gegen den eigenen Lorbeer wuchern lässt. Aber: auch ein König Schinderschwer im Weitblick - der nämlich nicht nur Eleganz hat, sondern auch ein arbeitendes Bewusstsein. Das faucht böse gegen staatliche Repression und Einschüchterung - "es herrscht Frieden im Land". Und es schlauchte stets - des Widerspenstigen breite Schultern mussten manches (er)tragen. Er singt davon mit Lust, Witz, Schmerz.
Dieser Sänger rettet sich - singend! - in keine Moral, die ihn zu idealen Zukunftsmenschenbildern verführen könnte, nein, er behält "nur" immer eine Geistesgegenwart, in die hinein irgendeine sehr menschliche, männliche Geschichte ihre Blitze und Pointen schleudert. Durch sein Herz verlaufen (sich) die Straßen, die zum Meer führen, zum Frühling, ins nasse Gras, und immer "ist der Sommer nicht mehr weit".
Wecker singt von der Schwermut und schwimmt mit Brecht in Seen und Flüssen, er hat den Blues und träumt von Bieren, die man nur im Stehen trinkt. Er singt Wader und singt das auch wie Wader. Er liest eine bayerische Geschichte von wunderbaren Falten in einem Busenansatz, und plötzlich traktiert auch mal sein Schuh das Klavier. Er erzählt davon, wie sich das Ego (weise!) abbaut im Alter 96 was freilich voraussetzt, dass man überhaupt eines hat.
Der Münchener lässt Börsianer tanzen, lässt Waffenhändler in seinen berühmten Tango verfallen, er wird auf eine fast zarte Weise sarkastisch. Jedes Lied beharrt darauf, dass Moral in der Kunst stets eine Frage der künstlerischen Gabe und Qualität sei, nicht bloß des Anliegens. Man muss das, was man zu sagen hat, einzig in der Tonart seiner eigenen Natur sagen. Nur so dringt es durch Luft und Lärm. Durch den Lärm derer, für die Poeten Luft sind.
Die besondere Würde Weckers: Er ist an diesem Abend biografisch, aber er tut nicht das, wozu er alles Recht dieser abgefeimten Welt hätte 96 er feiert sich nämlich nicht als Sieger einer konsequenten Antikriegshaltung, die ihn noch unmittelbar vor Beginn des US-Eingriffs im Irak zum Gegenstand eines abfälligen, hämischen Politfeuilletons gemacht hatte. Wecker führt sie nicht vor, all jene, die nun selber zu Washington-kritischen Kommentatoren mutiert sind, nachdem sie damals vor Weltgewissen und vor Besorgnis ob irakischer Friedensbedrohungen nur so strotzten. Und die doch einfach nur zu feige waren, öffentlich ein Quäntchen Verweigerung zu zeigen - als dies noch Mut zur medialen Einsamkeit forderte. Nein, Wecker lässt den Irak "draußen", diese Erinnerung hat er nicht nötig. In "Amerika" allerdings bläst das Saxophon dem Bush dissonant den Marsch.
"Sag Nein!" singt Wecker dann auch, in einer seiner Zugaben. Singt es entschieden. Verteilt hell hämmernde Ausrufezeichen in den Saal. Und den Schluss dieses erhebenden Abends dreier großer, in Improvisationen funkelnder Musiker bildet ein kräftiges Gedenken an die Geschwister Scholl ("es geht ums Tun und nicht ums Siegen!").
Wenn Wecker direkt politisch wird, bleibt doch leichte, unangestrengte Nähe zum Gegensatz, der das Dasein so "schmerzvoll lebendig, aber wunderbar" macht: Bei ihm ist nämlich immer beides zugleich wahr - die Einmischung und die Gelassenheit, der Zorn und die Sanftheit, der Veränderungswille und die Ergebenheit ins Unabänderliche. "Warum sich ans Leben krallen/ lass aus und lass dich ein/ du findest nur im Zerfallen/ dein Sein."
Der die Dinge anschiebende Mensch - Auftrag: "zwischen den Fahnen stehen!" - ist doch stets auch der geschobene Schicksalsnarr. Das seit jeher irrwitzigste Thema der Kunst. Jeder Gewinn reimt sich auf einen Verlust. So ungereimt geht92s zu im Wecker-Werk, und nie hat des politischen Sängers Kopf versucht, sich des Herzens zu erwehren. Das bekanntlich weiter unten im Körper schlägt.
Er ist kein Popsänger, Pop funktioniert ja als Einladung zur Selbstvergessenheit. Pop-Idolen hört man zu, mit dem Willen, sich in ihnen aufzulösen: Einmal nicht man selber sein! Wecker dagegen lädt ein, das eigene Ich einer Prüfung auszusetzen, bei der man zu sich selbst finden möge. An diesem Abend fühlte ich mich für drei Stunden von Menschen umgeben, die mehr und mehr den Eindruck machten, als seien sie auf solchem Weg zu sich selber. Es war, als hörten alle so unterschiedlichen Ichs, die in einem selber wohnen, für kurze Zeit auf, einander unverständlich, fremd zu sein.
Jeder muss sich in seinem Leben etwas ausdenken, das er für wahr hält - aber am Ende zählt nur das Undurchdringliche der Welt. In die man nach diesem großartigen Konzert hinaustrat mit dem Wunsch, jetzt bloß nicht, wenigstens auf diesem Heimweg nicht!, den falschen Leuten (und deren Wahrheiten) zu begegnen.