Musik ist etwas Heiliges

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

21.10.2004

Quelle

Rheinischer Merkur

Autor / Interwiever

Christiane Florin

KONSTANTIN WECKER / Im RM-Interview spricht der Liedermacher über die Macht der Stille und den Kriegslärm der Mächtigen

"Musik ist etwas Heiliges"

Leise Töne schlägt er in seinem neuen Roman an. Schweigen will er nicht. Auch mehr als ein Jahr danach treiben ihn die Erlebnisse im Irak um.



RHEINISCHER MERKUR: Ihr neuer Roman ist ein stilles Buch. Kein Kokain, kein Sex. Ein Zeichen von Altersweisheit?
KONSTANTIN WECKER: "Der Klang der ungespielten Töne" ist die fiktive Biografie eines Musikers, kein autobiografisches Buch. Natürlich ist vor allem das Erlebnis meiner Krise eingeflossen. Insofern hat es ein bisschen mit Alterweisheit zu tun. Es ist ganz bewusst ein stilles Buch. Wie hört man, wenn man die Ohren vor dem Lärm draußen verschließt? Wie hört ein Musiker, wenn er die Hände aufs Klavier legt und die Tasten nicht herunterdrückt? Der Held dieses Buches versucht alles über das Hören zu erfahren, er möchte sich auf die inneren Stürme konzentrieren.


"Schon Schweigen ist Betrug, genug kann nie genügen" heißt es in einem Ihrer bekanntesten Lieder. War das ein Irrtum?

Nein. Das Schweigen ist nicht das Ziel, es ist ein Weg, um in die Stille zu gelangen. Ich kann mich nur politisch aktiv betätigen, wenn ich mit mir ins Reine komme. Wenn ich mich am laufenden Band politisch engagiere, dann laufe ich einer Fahne hinterher und weiß nicht mehr, wer ich bin.


Fühlen Sie sich öffentlich als zu lauter Mensch missverstanden? Ist der Roman ein Korrektiv?

Nein. Mit einem Roman will man nie etwas korrigieren. Die Romanfigur hat sich mir aufgedrängt. Anselm Cavaradossi Hüttenbrenner war schon lange vorher da, Karpoff, sein Lehrer, auch. Die Sehnsucht nach Stille haben wir zudem alle, dazu muss man nicht berühmt sein und von den Medien beobachtet werden.


Ihr Held wird zeitweise zynisch. Was schützt Sie vor Zynismus?

Ich hatte ein großes Glück und eine große Sturheit. Ich konnte immer meine Lieder so machen, wie ich wollte. Wenn etwas schlecht war, kann ich mich nicht damit herausreden, die Plattenfirma sei schuld. Diese Sturheit hat den Effekt, dass man selten im Rundfunk gespielt wird, dass der ganz große Erfolg ausbleibt. Aber ich bin sehr froh darüber, nie einen Hit gehabt zu haben, der mich gezwungen hätte, immer im gleichen Stil weiterzumachen. Ich habe viele Kollegen, wunderbare Musiker, die darunter leiden, dass ihnen keine andere Wahl bleibt, als einen Markt zu bedienen. Heute wird Musik oft ausschließlich dazu benutzt, Geld zu verdienen. Sie gilt nicht mehr als Heilmittel. Dabei hat sie etwas Heilendes, Heiliges und Heiligendes.


Sie werden, wie Sie selbst sagen, selten im Radio gespielt. Befürworten Sie eine Quote für deutsche Musik?

Meine Musik würde auch mit Quote nicht gespielt werden. Eine Prozentregelung würde nur bewirken, dass mehr deutschsprachig produzierter Unsinn im Radio gespielt würde. Helfen würde es nur, bestimmte Sender zu boykottieren.


Haben Sie nie etwas geschrieben, was Ihnen heute peinlich ist?

Es gibt eine Filmmusik, bei der mir nicht die Musik, sondern der Film peinlich ist. Von meinen Liedern ist mir keins peinlich. Ich habe mich mit keinem angebiedert.


Sie greifen im Lied "Amerika" George W. Bush an. Warum haben Sie nie ein Lied gegen Saddam Hussein geschrieben?

Ich habe viele Lieder gegen Diktatoren geschrieben. Aber Hussein wurde ja sowieso verteufelt. Ich muss doch nicht auch das wiederholen, was jeden Tag in der Presse steht. Außerdem habe ich "Amerika" noch in der Clinton-Zeit geschrieben. Ich habe mich erregt über den Wahn, Amerika immer in allem folgen zu wollen. Wenn ich heute sehe, wie zu Recht in einem Brief von Intellektuellen an Putin behauptet wird, dass Russland dabei ist, die Demokratie zu verlieren, dann frage ich mich: Wer hätte den Mut, das Herrn Bush zu schreiben?


Aber der Mainstream in Deutschland ist doch gegen Bush und den Irakkrieg.

Ich bin 2003 nicht in den Irak gefahren, um Hussein zu huldigen. Wir haben die Angebote der Regierung, die uns das Leben dort angenehm machen wollte, ausgeschlagen. Wir haben es geschafft, vor dem Konzert in Bagdad eine Hussein-Pappstatue von der Bühne zu entfernen. Danach erfuhren wir, dass darauf die Todesstrafe stand.


Haben Sie die hämischen deutschen Reaktionen auf Ihre Irakreise überrascht?

In dieser gebündelten Form haben sie mich überrascht. Ich muss all den Journalisten, die mich damals verspottet haben, sagen: Ich habe ihren Job gemacht. Sie hätten dort runterfahren sollen. Ich hätte mir zudem gewünscht, dass diejenigen, die ein Land bombardieren, sich die Menschen ansehen, die sie bombardieren. Natürlich müssen Diktatoren entmachtet werden, aber auf unblutige Weise, durch Emanzipation statt durch Aggression. Aber seien wir ehrlich: Es geht um Waffengeschäfte, um den Wirtschaftsstandort, nicht um Demokratie.


Kann denn Musik bei dieser Interessenlage etwas verändern?

Ich spiele zurzeit mit einem afghanischen Musiker zusammen. Er hat mir erzählt, wie afghanische Kinder über Monate hinweg einen Rhythmus lernen. Musik hat dort immer eine spirituelle Komponente. Ich bin überzeugt, dass Musik ein Lebensmittel ist, ein Heilmittel, wenn man sich ihr nur richtig nähert.


Ihr Buch ist eine Liebeserklärung an die Oper. Ist klassische Musik die edlere?

Nein, aber ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen. Ich habe mit meinem Vater, einem Tenor, Liebesduette gesungen. Er war körperlich unnahbar, aber wir haben uns in der Kantilene zärtlich berührt. Was mich in die Sinnlichkeit zurückholt, ist die Oper.


Fällt es Ihnen leichter, Musik zu schreiben oder einen Roman über Musik zu schreiben?

Es fällt mir leichter, Musik zu schreiben, das ist das Selbstverständlichere. Ich kann mich beim Komponieren um sieben Uhr ans Klavier setzen, um 12 Uhr aufhören, und die Inspiration kann fließen, weil ich nicht durchs Denken gestört werde. Das Blöde an der Sprache ist, dass sie einen zum Denken zwingt. Aber im Moment der Inspiration sollte man ja gerade nicht denken. Rilke ist der Einzige, der das kann, der beweist, das Sprache nicht unbedingt rational sein muss.


"Man müsste Klavier spielen können", behauptet ein Evergreen. Ist musikalische Begabung Segen oder Fluch?

Sie kann sich zum Fluch entwickeln, wenn man kein Publikum hat. Die massenhaft gespielte Musik verbildet unser Gehör. Wir glauben, Musik sei so. Aber sie ist etwas ganz anderes. Das versuche ich mit diesem Buch etwas zurechtzurücken.


"Wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frau´n, geht das Lied weiter. Stimmt das?

Ja, als ich als junger Mann in Bars gespielt habe, habe ich schon gemerkt, dass das stimmt. Frauen, die mich sonst gar nicht beachtet hätten, fanden mich plötzlich ganz toll, wenn ich am Klavier saß. Das relativiert sich aber im Laufe der Jahre.