Gesänge aus der Fülle des Lebens

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

09.12.2003

Quelle

Stuttgarter Zeitung

Autor / Interwiever

Michael Werner

Soloabend im Theaterhaus: der Liedermacher Konstantin Wecker wühlt im Flügel

"Noch zehn Minuten!" "Noch eine." Die Stimme aus dem Off verweist auf technische Probleme und beweist selten gewordene Höflichkeit. Andernorts steht man sich die Beine in den Bauch, dem Gutdünken des Künstlers ausgeliefert und den Getränkepreisen der Veranstalter. Konstantin Wecker aber hat um 19.30 Uhr eine Verabredung mit seinem Publikum und entschuldigt sich dafür, dass er sie nicht einhalten kann. Als die annoncierte "eine" Minute abgelaufen ist, erscheint er selbst auf der Bühne. "Ich bin da", sagt er, strotzend vor Kraft, "noch fünf Minuten." Als er wiederkommt, zucken seine Mundwinkel vor Lust. Dann wühlt er im Flügel.

Es ist nicht so, dass Deutschlands größter Liedermacher Konstantin Wecker (56) den Gepflogenheiten des Rock ´n´ Roll in seinem Innersten gänzlich abgeschworen hätte, bloß weil er sich entschuldigt und nicht mehr kokst. Er freut sich schon über die Lacher, die aufbranden, als er kundtut, dass auch er gerne von "Amerika" vor Ort "entsklavt" würde, allein, er darf nicht, denn er ist "vorbestraft". Und der Suff früher, immerzu, ja mei, sagt er nicht wörtlich zwar, aber nichtsdestoweniger deutlich, er hat halt gelebt, all die Jahre lang.

Kaum jemand hier zu Lande ist im Stande, lyrisch so lüstern aus der Fülle des Lebens zu schöpfen wie Konstantin Wecker. Er ist die Fülle selbst, der Berserker am Flügel, der charmante Tastenkitzler, der monströs das "R" rollende und zärtlich von der Liebe flüsternde Wünschelrutengänger der Dichtung wie der Musik. Seinen Soloabend im Theaterhaus baut er chronologisch auf, erzählt sein Leben mit Liedern, beginnt mit den "Sadopoetischen Gesängen" (1973), endet drei Stunden später mit Liedern von "Vaterland" (2001), weidet sich an der unfreiwilligen Komik des Frühwerks und sehnt sich und richtet und fühlt ganz unmittelbar in den neuen Liedern, die ihm wichtig sind, weil das Leben ihm wichtig geblieben ist. "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" und "Genug ist nicht genug", seine Mittsiebziger-Hymnen an das Pralle im Dasein, singt er bereits nach einer halben Stunde, chronologisch halt. Zur Zugabe dann Spätes, Reifes, gleichwohl Wunderschönes wie das "Liebeslied im alten Stil".

"Mmmmmh", frohlockt er da immer, als platze das Leben gleich aus ihm heraus, bevor er fragt, wie tief das Meer sei. Hakim Ludin, spontan eingeladener Percussionist aus Afghanistan, trommelt dazu, als ginge es um sein Leben. Wenn Wecker liest, von den "Tomaten am Balkon" oder das kühne Werk "Ich und Goethe", dann berichtet er, klug und humorig, von dieser endlichen Zeitspanne auf der Erde. Wenn er singt und spielt, dann füllt er sie so vehement, als wolle er sie dehnen. Er ist ganz Dichter, ganz Musikant. Wenn er Wasser schöpfen würde, dann aufgetürmt über dem Eimerrand. Welch ein Glück ihm dabei zuzuschauen.