Nie war er so Wecker wie heute

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

10.12.2003

Quelle

Saarbrücker Zeitung

Autor / Interwiever

Marcus Septimus

Sogar Stehplätze zum halben Preis gab´s beim Konzert von Konstantin Wecker im big Eppel

Von MARCUS SEPTIMUS

Es war Wecker pur. Nur der Künstler, sein Flügel und ein Tisch. Das genügte, um dem Publikum im big Eppel den besten Wecker aller Zeiten zu präsentieren - nicht mehr so jung aber unverdrossen poetisch.

Er ist der Künstler, der sich nach dem Konzert, beim tosenden Applaus der Hundertschaften, die Hände vors Gesicht schlägt, als widerführe ihm so etwas das erste mal. Wenn das Publikum zu den minutenlangen Ovationen aufsteht klatscht er zurück - aus Dankbarkeit. "Die Auftritte sind meine Kraftquelle", erklärt der Künstler, der Konstantin Wecker heißt. Eine wiedergefundene Kraftquelle, die ihm in den schweren Jahren abhanden kam: Drogen, Zusammenbruch, Haft. "Ich war oftmals nicht ganz da, aber stets ehrlich", gesteht Wecker heute mit Reue, doch ohne Scham ein.

Und jetzt ist er wieder da. Und ehrlich, wie seit der ersten Langspielplatte 1973. Der 56-jährige sucht wieder die Nähe zu seinem Publikum, um zu singen, "weil er ein Lied hat". Auf dieser Suche war der Liedermacher vorgestern im Eppelborner Kulturzentrum Big Eppel zu Gast. Und zu Gast waren mehr als 750 Menschen. Für 700 gab es Sitzplätze, der Rest hatte ermäßigte Stehkarten für den ungewöhnlichen Abend erworben. Auf der 99 Quadratmeter großen Bühne: ein schwarzer Flügel und ein Hocker. Mehr braucht der Wecker nicht, der noch immer mit Turnschuhen, Jeans und schwarzem Hemd auf die Bühne tritt. Seine Haare sind lichter und grauer geworden, eine Lesebrille hängt um seinen Hals, und die Gesichtszüge scheinen kantiger.

Dabei war er schon immer kantig. Gesellschaftskritisch, sadopoetisch, aufgewühlt und aufwühlend, nie opportunistisch, nie spießbürgerlich. "Schrieb ich einmal andere Lieder, wurde mir Innerlichkeit zum Vorwurf gemacht", erklärt Wecker. Dabei ist Innerlichkeit für ihn kein Schimpfwort. Im Gegenteil. "Meine Lieder entstehen nicht willentlich. Ich habe lange gebraucht um zu erkennen, dass sie nicht mein Verdienst sind, sondern Glück und ein Geschenk", weiß Wecker.

Es schreibt sich heraus, was heraus muss. So werden Lieder zum Spiegel der Seele. "Ich habe ihnen den ganzen Abend einen tiefen Einblick in mein Leben gegeben", wird er am Ende des über zweistündigen Konzerts in Eppelborn sagen. Denn, chronologisch biografisch ist das neue Soloprogramm. Er erzählt von seinem Leben, von seinen Liedern - und von seinem Leben mit Liedern. Und da bleibt nichts aus. Es beginnt mit den "sadopoetischen Liedern" (1973) und endet beim "Vaterland" (2001). So kommen seine Hymnen der siebziger Jahre schon ganz früh im Programm, und nicht am Höhepunkt. So ist der Liederabend ein wellengleiches Auf und Ab, wie Weckers Leben selbst. Mal ist die Brandung scharf, wenn US-Präsident Bush als "Weltenentsklaver" verhöhnt wird, mal ganz sanft, wenn er mit Brecht in Seen und Flüssen schwimmt.

Das Klavier spielt sich wie von alleine, und mit einem einzigen Chord kann Wecker dem Publikum ein Lachen abringen. "Angefangen als Liedermacher habe ich mit der Gitarre", erinnert sich Wecker. Doch, als er einmal Georg Kreisler sah, entschloss er sich zum Tasteninstrument. Und wenn Wecker auch nicht musikalisch im Park Tauben vergiften geht, so ist ihm sein rollendes R das, was Kreisler der österreichische Schmäh ist. Ohnehin ist Wecker ernster. Auch, wenn er seinem damaligen Richter heute Humorlosigkeit vorwirft, da jener nicht glauben wollte, dass die Sucht ein Haubentaucher ist, der mit ihm am Kneipentisch sitzt. Am Kneipentisch der 70er Jahre ist auch die Lyrik entstanden, die Wecker zwischen seinen Liedern auf der Bühne liest. Sie handelt von Tomaten auf dem Balkon und Goethes Mannhaftigkeit. "Ich bin eingeschlafen in dem vollen Bewusstsein noch 20 zu sein, und als 50-jähriger aufgewacht", kokettiert Wecker mit seinem Drogenkonsum, "wenn man Schwermut aufstaut, werden Depressionen daraus". Deswegen lässt er sie heute heraus, wie nie zuvor.

Und, als er demnach ganz zu Ende ein Lied über seinen verstorbenen Vater sang, perlte eine unglaubliche Stille durch den Saal - und Tränen über die Wangen der Besucher.