Radikal-Humanist aus der Epoche der Liedermacher

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

11.12.2003

Quelle

Leipziger Volkszeitung

Autor / Interwiever

Jürgen Kleindienst

Konstantin Wecker im Gewandhaus gefeiert

Am Ende schaut er lange, fast ein wenig schüchtern in die Gesichter seiner Zuschauer - und dann sieht er ziemlich gerührt aus. Das nun rührt seine Zuschauer ziemlich, was wiederum ... Einziger Ausweg aus diesem geschlossenen System mit sehr viel Gefühl: noch eine Zugabe. Und die muss Konstantin Wecker an diesem Dienstagabend im fast ausverkauften Gewandhaus reichlich geben. Nicht enden wollen die Ovationen, nicht hinsetzen sich die Zuschauer.

"Ich singe, weil ich ein Lied hab. Nicht, weil es Euch gefällt", hatte er zum Auftakt in den Saal behauptet. Und sofort ist sie da, diese ganz eigene Art, die Wecker erfunden hat. Dieses Anschwellen und Abebben, dieses Wechselbad zwischen Flüstergesang und nasalem Pathos, Wut und Zartheit. Irgendwo zwischen Chanson, Kunst- und Volkslied. Der Sänger hat viel vor an diesem Abend. "Solo" nennt er sein Programm. Eine Biografie mit Musik entwirft er, Gedichte und Geschichten liest er. Von seinen "sadopoetischen" und wenig erfolgreichen Liedern über Irre und lüsterne Greise geht es bis zu "I werd oid" von 2001, einem gnadenlosen Referat über die angeblich besten Jahre: "Nachts muss ich ständig zum Pieseln raus." Oberthema: Da sitzt ein Mensch.

56 ist der inzwischen, die Drogengeschichten liegen lange ad acta. Ziemlich schlank und ziemlich zurückgenommen sitzt er da in Sakko und Jeans und knetet die Tasten. Früher schien er förmlich in den Raum zu wachsen. Jetzt ist er ein bisschen weise geworden. Ans Herz gehen seine Balladen noch immer: "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist", "Genug ist nicht genug" oder "Ich liebe diese Hure". Herrlich seine Geschichte "Tomaten am Balkon", wo er in einer bayerischen Wirtshausstube zum Dichter-Werkstattbesuch der anderen Art lädt. Wir begegnen den Sänger beim Saufen, Rauchen und Schreiben. "In der Reihenfolge." Rundherum ein kabarettistisches Panoptikum mit einem besoffenen Genie in der Mitte.

Die Zuhörer lieben diese Brüche. Man kennt sich in der Regel ziemlich lange, mag sich, wärmt sich gegenseitig: der Sänger aus der Epoche der Liedermacher, dieser Radikal-Humanist - und sein Publikum, dem der gebrochene Held da unten vorsingt, wie man "Nein" sagt. Nein zu Spießertum, Waffenhandel und einer Weltschach spielenden Supermacht. Und zeigt, wie man liebt, irrt, scheitert - wieder zurückkommt. Dem sich selbst genügenden Kulturgeschäft mit seinen Unterhaltungs-Gartenzwergen ist so ein Partei-Ergreifer mit Nehmerqualitäten suspekt. Weckers Publikum ist dieser Kulturbetrieb suspekt. Gemeinsam sind sie stark. Wenigstens für zweidreiviertel Stunden.

Jürgen Kleindienst