Der Friedenskämpfer hat noch Biss

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

15.12.2003

Quelle

Aachener Nachrichten

Aachen. Die alte Kraft, der rebellische Ton und der Biss - sie schicken noch immer ihre Blitze ins Publikum, wenn der Münchnener Liedermacher Konstantin Wecker in die Tasten seines Klaviers greift.

Hier ist er beim Aachener Gastspiel im Audimax besonders stark, sorgt für atemberaubend jazzige Improvisationen, versenkt sich tief in grüblerische und scharfsinnige Gedanken.

Der Friedensmahner, der in diesem Jahr sogar mit einer Delegation in den Irak reist, ist noch nicht verstummt. Glasklar sieht er, was in dieser Gesellschaft nicht stimmt, nimmt Politik und Wirtschaft ins poetisch-bitterböse Visier.

Doch zunächst gibt es Erinnerungen - Wecker blickt zurück auf Wecker. Nicht übel, aber auf die Dauer ein wenig ermüdend. Die eingefleischten Fans genießen es dennoch und murmeln die Texte schon bevor er sie selbst ausgesprochen hat. Die "sadopoetischen Gesänge" des jungen Mahners leben auf, das "Wecker-Leuchten" wird zur Forderung "Sag nein!", dazu ein paar Geschichtchen. "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist" - Wecker lässt sich in diese Lieder hineinfallen, interpretiert sie mit sehnsuchtsvoller Inbrunst. Und man spürt schon sehr genau, wo sein Herz besonders kräftig schlägt.

Die Drogen- und Zusammenbruchphase schließt er nicht aus. Dass der Blues in Wirklichkeit aus Bayern kommt, ist nach diesem Abend auch dem letzten Zweifler klar. "Mir geht´s nicht gut" - das Geständnis eines Mannes, der nichts verbirgt und damit ab und zu ganz gern kokettiert, der halt gern gegen den Wind steuert, Turnschuhe und Jeans bevorzugt und manchmal eine Passage auf dem Klavier so lange wiederholt, bis er beim Blättern mit der anderen Hand die richtige Stelle in den Noten gefunden hat, an der es weitergehen soll.

Brecht-Texte hat er vertont ("Tolle CD, hat sich nur schlecht verkauft..."), Kästner auch ("Mein Lieblingsdichter"), und sein Gedicht "Ich und Goethe" liest er am Tischchen vor, zu dem er ab und zu wechselt. Zum Schluss dann noch ein Gedenken an den singenden Papa, der eine wunderbare Stimme, aber keinen Erfolg hatte.

Mit 56 leistet sich Wecker ein bisschen mehr Wehmut. Und vielleicht braucht man das ja auch, wenn einem die Magen-Darmgrippe den Abend fast verdorben hätte. Wecker hält sich wacker, verwöhnt sein Publikum, das ihn euphorisch feiert, mit zahlreichen Zugaben. Und die tun auch ihm sehr gut.