Würde heute denn Rudi Dutschke helfen?

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

01.01.2004

Quelle

Freitag

Autor / Interwiever

Michael Ernst

ENGAGEMENT FüR EIN ANDERES SYSTEM

Der Liedermacher Konstantin Wecker über eine Reise nach Bagdad, die Gefahr, sich zu verlieren, und eine ausstehende Entschuldigung von Angela Merkel

Als Konstantin Wecker Anfang 2003 in den Irak reiste, unterstellte man ihm eine "kleinlich-laute PR-Aktion" (Süddeutsche Zeitung). Fast einhellig war die deutsche Presse der Meinung, diese Tour degradiere ihn zum nützlichen Idioten von Saddam Hussein. Wecker konterte, er habe nur mit den Menschen in Bagdad sprechen und sich ein eigenes Bild verschaffen wollen.

Schon damals war er überzeugt, ein Krieg werde die irakische Gesellschaft der Demokratie kaum näher bringen. Heute reicht es ihm nicht, Recht behalten zu haben - Wecker will sich selbst überzeugen und plant eine weitere Reise, denn "genug ist nicht genug", wie es in einem seiner bekanntesten Lieder heißt.

FREITAG: Sie sind wieder auf Tour durch Deutschland; was ist neu in Ihrem Programm?
KONSTANTIN WECKER: Wenn die Lieder der CD Vaterland noch neu zu nennen sind, dann ist die Hälfte des Programms neu, also aus den vergangenen zwei Jahren. Sie spiegeln meinen aktuellen Zustand wider. Einerseits ist da ein Lied über die Schwermut, wie ich es früher nicht geschrieben hätte, da ich mir so etwas nicht eingestand, sondern verdrängte. Andererseits gibt es Tagespolitik etwa im Waffenhändler-Tango - das gehört für mich zusammen. Wer nur mit Politik beschäftigt ist und nicht auch in sich selbst nachschaut, erstarrt in Feindbildern.

Seit Beginn Ihrer Solokarriere 1973 sind Sie sich treu geblieben als einer, der so witzig wie bissig mitmischt und Zwischenmenschliches wie Gesellschaftliches thematisiert. Eine Treue im Wandel?
Es gibt eine Treue zu ziemlich bedingungsloser Wahrheitsliebe in mir. Dazu gehört auch die Suche nach Unveränderlichkeit innerhalb einer sich ständig verändernden Welt - im klassisch philosophischen Sinne die Suche nach dem Absoluten, wohl wissend, dass es nicht zu finden ist.

Im steten Wandel der eigenen Person den Dingen auf den Grund gehen wollen, das ist vielleicht die Konstante in meiner Arbeit. Ich kann sagen, ich bereue nichts - abgesehen vom Zeitverlust durch meine Erfahrungen mit Drogen.

Das "Willy"-Lied gilt Fans wie Kritikern als Wecker-Hymne. Sie haben es inzwischen mehrfach aktualisiert - bezogen auf den Mord an Antonio Amadeu Kiowa in Eberswalde, auf den 11. September 2001 oder den millionenfachen Protest gegen die Kriege der USA und ihrer Verbündeten. Würde die mit Willy verschwundene Zivilcourage heute denn helfen?
Würde heute denn Rudi Dutschke helfen? Der käme doch gar nicht mehr hoch in den Medien! Mir ist aufgefallen, dass eigentlich von allen bürgerlichen Medien in diesem Land jeder, sobald er Systemkritik übt - tatsächlich das System als Ganzes in Frage stellt - mundtot gemacht wird. Warum sonst wird Michael Moore inzwischen nur noch verrissen? Weil er ein anderes System will. Ich will auch ein anderes System, denn ich bin mit diesem hier nicht zufrieden.

Gilt weiter Ihre Forderung "Bürger, lasst das Glotzen sein, kommt herunter, reiht Euch ein"?
Mehr denn je. Die einzige Chance ist doch, dass sich der einzelne Bürger zunehmend bewusst wird, was mit ihm - mit uns - passiert. Dann könnte uns klar werden, was unsere einzige Funktion ist, auf die wir reduziert sind: Verbraucher zu sein. Dagegen hilft aus meiner Sicht nur Konsumverweigerung, keine generelle, sondern eine gezielte.

Selbst wohlwollende Politiker haben doch heute kaum eine Möglichkeit gegen den Lobbyismus. Spätestens vor dem Arbeitsplatzargument knickt jeder ein, egal ob es um Lebensmittel oder um Waffen geht. Und wir glauben immer noch, mit Wahlen was erreichen zu können ... - ein paar hundert Konzerne regieren Europa.

Feiern bei Ihren Konzerten Gleichgesinnte zwei Stunden des Miteinanders, wohl wissend, dass Utopien heute weniger gefragt sind denn je?
Ich war nie so blöd zu glauben, ich könnte die Welt verändern. Aber warum sollte man sich nicht als Mosaikstein begreifen? Die Resonanz zeigt mir, dass ich in 30 Jahren einzelnen Menschen habe Mut geben können, manchmal auch den Anstoß, das eigene Leben teilweise zu ändern. Das Schönste an Kunst ist, wenn sie verwandeln kann.

Welches Publikum kommt bevorzugt zu Ihnen?
Bis heute sitzen manchmal Punk und Bankbeamter nebeneinander. Manche kommen zunächst auch gar nicht wegen der Musik, sondern weil sie vielleicht etwas über meinen Einsatz für den Irak gehört haben ...

... Ihren Trip nach Bagdad im Februar kurz vor dem Krieg. Wie denken Sie heute über diese Reise?
Sie hat mein Leben verändert. Im Nachhinein muss ich jedem Journalisten sagen, der mich für Bagdad prügelte, ich habe seinen Job gemacht. Wären die Medien besser informiert, würden sie auch anders berichten - das gilt bis heute.

Inwiefern?
Wir haben auf abscheuliche Weise Recht bekommen. Was ist denn mit Leuten wie Frau Merkel? Sie war so überzeugt von den Massenvernichtungswaffen im Irak. Hat sie sich für ihr Gerede jemals entschuldigt? Am widerwärtigsten ist, dass solche kleinen und großen Übeltäter offenbar durch nichts zu desavouieren sind. Schauen Sie nach Afghanistan, das absolute Chaos. Und Deutschland schickt Soldaten hin, um Opiumbauern zu schützen.

Als wir in Bagdad waren, haben wir vielen Menschen Freude machen können. Das hat bei anderen die Wut noch vergrößert. Ich wusste natürlich schon vor dieser Reise, auf die Medienschelte daheim ist Verlass. Aber dass sie so derb ausfiel, damit hatte ich nicht gerechnet. Gefeiert werden hingegen Auftritte von Popstars vor alliierten Soldaten. Das ist für mich die verachtenswürdigste Form von Kunst, einfach ekelerregend.

Planen Sie eine erneute Reise?
Ich möchte, sobald es geht, unbedingt wieder dorthin, auch weil ich sehen will, wie es meinem Patenkind Amir geht. Momentan plane ich ein Konzert mit irakischen und afghanischen Künstlern in München.

"Frieden ist nicht der Zustand zwischen zwei Kriegen. Frieden wird nicht durch Siege erkauft. Frieden braucht Mut. Mut zur Wahrheit und den Mut, sich selbst zu verändern." Was empfinden Sie bei solchen Sätzen?
Ich kann nur sagen, ich versuche, Pazifist zu werden. Man kann sich dem annähern, die Voraussetzung ist ein persönlicher Wandel. Das Ideal des Pazifismus muss oft auch gegen eigene Instinkte durchgesetzt werden. Jeder sollte sich fragen, wie er mit Gewaltfreiheit umgeht.

Wer will diejenigen auswählen, die zu sterben haben?

Wir müssen genau hinhören, wenn Leute mit blendenden Worten Kriege befürworten, denn sie sind mitunter sehr intelligent, diese Einpeitscher, die gegenüber eigenen Gefühlen vollkommen abgehoben sind und uns einreden wollen, mit 10.000 Toten könnten 100.000 Leben gerettet werden. Wer will denn diejenigen auswählen, die zu sterben haben? Darüber wird nicht gesprochen, in den Krieg werden immer nur Andere geschickt. Der Pazifismus macht viele Fehler, aber es sterben weniger Menschen dabei.

Überrascht es Sie, dass ausgerechnet eine sich rot-grün nennende Bundesregierung Krieg wieder als politisches Instrument ansieht?
Solange Politiker Galionsfiguren abgeben, die nur noch mit Wirtschaftsbossen durch die Welt reisen wie Schröder gerade in China, solange Wirtschaftswachstum um jeden Preis, auch um den Preis des Krieges, gesteigert werden soll, sehe ich kein Verständnis für die tatsächlichen Sorgen der Welt. Das geht natürlich bis ins Private: Kann man erwarten, das eigene ethische Verhalten über die Sorge um das Wohlergehen der Familie zu stellen? Schließlich hat jeder Versuch, sich politisch zu engagieren, etwas mit dem Leben zu tun. Wie wichtig das ist, sehen wir an solchen Politikeraussagen, die Kriege am Hindukusch ernsthaft als Notwendigkeit hinstellen, um Deutschlands Freiheit zu verteidigen. Wer so was öffentlich behauptet, müsste doch dringend untersucht werden.

Wer heute etwas gegen Außenminister Fischer sagt, wird sofort mit einem Bannfluch belegt. Im Kosovo-Krieg ging das schon los, damit wurde die gesamte Antikriegsbewegung gelähmt. Es half mir nichts, mit meiner Meinung präsent zu sein, denn ich war eben mit meiner Meinung auch wieder nicht präsent.

Immerhin geht diese Bundesregierung - zumindest verbal - auf Distanz zu Partnern in Washington und London. Sehen Sie einen Graben entstehen zwischen Europa und Amerika?
Dazu muss man wissen, dass Politiker weltweit ziemlich machtlos sind, bis auf ein paar Diktatoren wie in Usbekistan oder in Moskau vielleicht. Man müsste überlegen, wie etwa Wirtschaftsbossen ein Sinn für Ethik vermittelt werden kann. Alteingesessene Feindschaften überdenken und aufgeben, das könnte ein Weg sein. Aber solange Millionäre darüber reden, dass die Anderen den Gürtel enger zu schnallen haben, und wir das aufsaugen und es uns gefallen lassen ...

Um auf Ihre Frage zurückzukommen, es gibt keinen Graben zwischen Amerika und uns, aber es sollte ein tiefer Graben zu dieser Regierung und zu gewissen Konzernen gezogen werden! Die Keule des Antiamerikanismus ist die Konsequenz der Blödheit, wer gegen den Verbrecher Bush und dessen Mafia ist, muss kein Anti-Amerikaner sein. Oder bin ich etwa Anti-Italiener oder Anti-Spanier, bloß weil ich Typen wie Berlusconi und Aznar nicht ausstehen kann?

Aber ich glaube, dass ein Wandel derzeit politisch gar nicht mehr möglich ist, dazu sind die Verflechtungen viel zu stark. Außerdem muss die Veränderung zunächst einmal im Herzen des Einzelnen stattfinden, der die Werte der Aufklärung und das Kant´sche "Wage es zu denken!" nicht vergessen hat.