Im Frieden mit sich selbst

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

13.01.2004

Quelle

Märkische Allgemeine

Autor / Interwiever

Karim Saab

Konstantin Wecker kämpft für eine bessere Welt, sucht das nicht käufliche Glück und findet es wichtig, zu meditieren


Vor genau einem Jahr reiste Konstantin Wecker mit der Tübinger Gesellschaft
"Kultur des Friedens" in den Irak. Er wollte den bevorstehenden Krieg
verhindern und gab in Bagdad ein Konzert. Dieser Aktivismus brachte dem
engagierten Linken auch aus den eigenen Reihen viel Häme und Protest ein.
Der 55-jährige Sänger, Komponist und Autor zählt zu den erfolgreichsten
deutschen Liedermachern. Mit seinem Album "Genug ist nicht genug" (1977)
machte er sich international einen Namen. Legendär ist seine 1988er Tournee
gemeinsam mit Joan Baez und Mercedes Sosa. Auch in der DDR gastierte
Konstantin Wecker in der zweiten Hälfte der 80er Jahre. 1995 wurde der
Münchener in seiner Heimatstadt wegen Kokainbesitzes verhaftet. Er räumte
ein, seit 15 Jahren von der Droge abhängig zu sein. Seine Verurteilung zu
zweieinhalb Jahren Gefängnis wurde im April 1999 aufgehoben. Wecker ist
Vater von zwei vier und sechs Jahre alten Söhnen. 2002 und 2003 brachte er
gemeinsam mit Christian Berg "Das Dschungelbuch" und "Pinocchio" als
Kindermusical auf die Bühne. Mit Konstantin Wecker traf sich Karim Saab.

Herr Wecker, wie fühlt man sich auf verlorenem Posten? Sie
sind einer der letzten bekennenden Pazifisten in Deutschland.

Ich würde von mir nie sagen, ich bin Pazifist.
Pazifist zu werden, das ist ein schwerer Weg. Ich möchte den Pazifismus als
Ideologie der Menschheit nicht überstülpen. Das geht gar nicht, das muss
jeder für sich selbst entscheiden.

Gegen den Pazifismus wird meist eine Standardfrage ins Feld geführt: Gab es
zum Einmarsch der Alliierten in das Nazi-Deutschland 1945 eine Alternative?

Wecker: Wodurch ist Hitler in seiner ganzen Schrecklichkeit
denn ermöglicht worden? Durch die Militarisierung, die nach dem Ersten
Weltkrieg erfolgt ist. Irgendwann kommt dann immer der Punkt, an dem es
heißt: Jetzt müssen wir mit militärischen Mitteln eingreifen, anders geht es
nicht. Man hätte vorher anfangen müssen. Hitler wurde doch gestützt,
weltweit, vor allem von der Industrie. Die Amerikaner selbst haben ihn
gewähren lassen, weil er ihnen als Feind gegen den Kommunismus willkommen
war. Nein, es gibt andere Möglichkeiten, Diktatoren zu entfernen. Wie war
das denn in Südafrika und in den Ostblockländern 1989? Es muss nicht immer
Krieg sein. Man kann auch den Widerstand in einem Lande unterstützen.

Womit wir bei Ihrer umstrittenen Irak-Reise im Januar 2003 wären. Wollten
Sie nicht, dass Saddam Hussein entmachtet wird?

Wecker: Es ging nicht darum, den Diktator zu entmachten. Das ist nicht der ehrliche Grund für den Krieg gewesen. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld arbeitet derzeit mit drei, vier anderen schlimmen Diktatoren geräuschlos zusammen. Es ging vielmehr darum, dieses Land an die freie Marktwirtschaft anzubinden. Das ist jetzt passiert. Und der Widerstand im Irak ist deshalb so gigantisch und wird anhalten, weil das Land ausverkauft wird. Die Amerikaner sind nicht nur Besatzer, sie verkaufen das Öl, Straßen und Plätze. Das verstößt übrigens gegen internationales Recht. Ein Besatzer darf das Land nicht verkaufen.

Freuen Sie sich über den blutigen Widerstand im Irak?

Wecker: Ich sympathisiere überhaupt nicht mit Gewalt. Ich
sympathisiere nicht mit Individualterrorismus und nicht mit
Staatsterrorismus. Aber ich bin gegen die amerikanische Besatzung. Mit
welcher Chuzpe behaupten wir eigentlich, dass wir überall auf der Welt genau
das System installieren müssen, das wir für das Beste halten. Die arabische
Welt bevorzugt andere Wege.

Liedermacher sind heute eine aussterbende Spezies - ähnlich wie die
Kabarettisten. Wie kommt es, dass das kritische Bewusstsein, für das Sie
stehen, so aus der Mode gekommen ist?

Wecker: Das bezweifle ich. Bei meiner letzten Tournee mit
Hannes Wader, einem anderen alten Herren, kamen pro Konzert zwei- bis
viertausend Leute. Es gibt sogar junge Leute, die sich heute wieder als
Liedermacher bezeichnen, auch wenn sie zu anderen musikalischen Mitteln
greifen. Das politische Lied wird wieder gepflegt. Der Nachwuchs hat aber
keine Chance, bekannt zu werden. Was fehlt, sind Klubs, und die Industrie
zeigt sich alles andere als engagiert. Im Februar werde ich zusammen mit
Hans-Eckhardt Wenzel beim Festival des politischen Liedes als Pate aktiv.
Die Frage ist letztlich, wann wird das Bedürfnis der Menschen nach Inhalten
wieder so groß sein, dass auch die Industrie wieder hellhörig wird, denn sie
will ja Geld verdienen. Wir Konsumenten in der freien Welt haben alle
Chancen, uns zu verweigern und die Industrie und die Politiker zu
beeinflussen.

Viele Mitmenschen hatten offenbar vom Moralisieren die Nase voll. Wer etwas
kritisiert, ist schließlich auch ein ewiger Besserwisser.

Wecker: Die Menschen haben immer die Schnauze voll davon, mit
wachen Augen sich ihre Gesellschaft und Umwelt anzuschauen. Es ist immer
schwerer, an etwas Unangenehmem zu rütteln als den Leuten vorzugaukeln, es
sei alles in Ordnung. Wenn wir uns die Welt derzeit betrachten, dieses
gigantische Gefälle zwischen Arm und Reich, wie lange soll das bitte noch
gut gehen? Ich glaube, jeder vernünftig denkende Mensch spürt, dass in den
nächsten Jahren etwas Furchtbares passieren wird. Das kann nicht mehr so
weitergehen. Die globale Erwärmung, das Artensterben. In Amerika, Kanada und
Mexiko haben die gentechnisch manipulierten Pflanzen bereits so ein
Übergewicht, dass es für bestimmte Pflanzen kaum noch Saatgut gibt. Wir
werden alle in eine neue Leibeigenschaft hineingeraten, in eine
Leibeigenschaft von wenigen Konzernen, die an jeder Politik vorbeioperieren
können. Man kann davor die Augen verschließen, aber wir sind gerade dabei,
die ganze Spezies Mensch zu vernichten.

Offenbar drücken Sie die globalen Probleme mehr als der in Deutschland so
heftig diskutierte Umbau der Sozialsysteme?

Wecker: Nicht Umbau, ich nenne es Abbau! Das bewegt mich
schon. Es geht derzeit um die neoliberale Herrschaft. Der Macht der Konzerne
wird nachgegeben, wo auch immer. Es wäre genügend Geld da, das wissen alle,
es ist nur einfach ungerecht verteilt. Ich sage das nicht als alter DKPler,
ich war nie in einer Partei und ich war nie Kommunist. Zugleich bin ich aber
auch der Meinung, dass nicht alle sozialistischen Ideen verdammt werden
dürfen.

Da werden Sie es bei der nächsten Wahl schwer haben.

Wecker: Sehr schwer. Ich weiß es nicht, ob es noch eine Chance
gibt, dass sich links von dieser berühmten Mitte noch einmal was formiert. Das wird wohl alles den Leuten auf der Straße überlassen
bleiben. Da formiert sich derzeit was.

Ist der Künstler Konstantin Wecker also drauf und dran, in die Politik zu
gehen?

Wecker: Für mich als Künstler ist die spirituelle Komponente
wichtiger. Wie geht man als einzelner Mensch mit diesen Bedrohungen um. Wo
kann man noch so etwas wie Glück finden, das uns nicht verkauft wird. Je
mehr wir kaufen, desto weniger glücklicher werden wir. Das hat ja schon fast
jeder erkannt. Aber wo soll man anfangen zu suchen? Ich sage nur: innen, bei
sich selbst. Jeder muss sich die Frage stellen, was habe ich dazu
beigetragen, dass es so weit gekommen ist. Wo sind meine Feindbilder?
Inwieweit bin ich für das Kriegerische in unserer Gesellschaft mit
verantwortlich?

Sie mussten erst 50 Jahre alt werden, um eine Familie mit Kindern zu
gründen. Wie denken Sie heute über den Konstantin Wecker, der kein Vater
war?

Wecker: Dass ihm da etwas entgangen wäre. Deshalb bin ich ja
auch so erzürnt, wenn es um Zukunftsfragen der Menschheit geht. Welche Welt
übergeben wir unseren Kindern? Es wird immer weniger Arbeit geben. Die
technologische Entwicklung wird sich potenzieren. Was soll ich meinen
Kindern raten? Zu studieren? Zu lernen? Künstler zu werden?

Vielleicht sollten Sie Ihren Söhnen vor allem Meditationstechniken
beibringen, damit sie wenigstens lernen, mit der vielen Freizeit umzugehen?

Wecker: Das ist genau der Punkt. Das werde ich versuchen,
schon durch mein Beispiel. Die Kinder merken ja, dass ich jeden Tag
meditiere. Diese halbe Stunde möchte ich eigentlich nicht gestört werden.
Das nehmen sie auch sehr ernst. Einmal kam der Kleine und setzte sich in den
Schneidersitz neben mich und machte auch Ohhmmm, um mich ein bisschen zu
verarschen.

Sind Sie buddhistisch inspiriert?

Wecker: Wenn man sich mit Meditation beschäftigt, kommt man am
Buddhismus nicht vorbei. Ich halte den Buddhismus für eine faszinierende
Philosophie und Psychologie. Aber die Bilder sind mir sehr fremd. Die Bilder
des Christentums sind mir näher. Die christliche Mystik fasziniert mich
sehr. Bei Meister Eckhart finde ich vieles, was mich antreibt, den Weg nach
Innen weiter zu gehen.

Sie tragen um den Hals eine Kreuz-Kette. Können Sie etwas mit dem leidenden
Christus anfangen?

Wecker: Das Kreuz trage ich nicht als Bekenntnis, sondern nur,
weil ich es geschenkt bekommen habe. Von der katholischen Kirche meiner
Kindheit bin ich meilenweit entfernt. Aber ich finde es ungerecht, dass dem
Christentum vorgeworfen wird, dass es eine Philosophie des
Leidens sei. Es geht doch niemandem darum, sich um jeden Preis ins Leid
stürzen zu wollen. Aber das Leben ist nun mal Leid.
Da trifft sich das Christentum mit dem Buddhismus. Der erste Satz in
den Vier Wahrheiten heißt: Das Leben ist Leid, und der zweite, es gibt einen
Weg, aus diesem Kreislauf des Leidens herauszutreten. Ich habe lange
gebraucht, mir zuzugestehen, dass das Leben Leid ist. Wieso Leid, mir geht
es doch hervorragend, habe ich mir immer gesagt. Das war natürlich ein sehr
enger Blickwinkel. Wenn man mit etwas Mitgefühl seine Mitmenschen betrachtet
und sieht, was allein in der engsten Umgebung für Schicksalsschläge
passieren, dann stellt sich doch die Frage, ob man das Leid wegdrängt oder
annimmt. Ich möchte mich dem stellen. Zum Pazifismus gehört die
Bereitschaft, Leiden anzunehmen und auf sich zu nehmen. Das hat Gandhi
vorgemacht.

Haben Sie schon während Ihrer Drogenkarriere meditiert?

Wecker: Da habe ich zwar viel drüber gelesen und mich auch
damit beschäftigt. Aber wenn man zugedröhnt ist, gibt es keine Möglichkeit,
wirklich praktisch an sich zu arbeiten. Die Chance habe ich erst im
Gefängnis ergriffen.

Sind Sie denn einverstanden mit der Drogengesetzgebung, mit der Sie in den
Jahren vor Ihrem neuen Leben in Konflikt geraten sind?

Wecker: Für mich war die Verhaftung ein Segen, das lässt sich
nicht auf andere übertragen. Ich hatte ein funktionierendes soziales Umfeld
und war innerlich schon auf diesen gewaltigen Schritt, endgültig mit den
Drogen aufzuhören, vorbereitet. Aber ich wehre mich vehement dagegen, die
Kriminalisierung Süchtiger als Patentrezept zu verwenden. Was glauben Sie,
wäre wohl für ein Aufstand programmiert, wenn man Alkoholiker oder
Tablettensüchtige wegsperren würde? Diese Drogenpolitik ist verlogen und
falsch. Süchtigen müssen wir die Hand reichen, anstatt sie durch
Kriminalisierung weiter ins Elend zu stoßen.

Ist Ihre Religiosität auch eine Droge, mit der Sie Ihre Abhängigkeit vom
Kokain kompensiert haben?

Wecker: Sie meinen meine Spiritualität. Es gibt von einem
Obdachlosen eine wunderbare Definition über den Unterschied: "Religiös sind
Menschen, die Angst vor der Hölle haben. Spirituell sind Menschen, die durch
die Hölle gegangen sind." Der spirituelle Mensch ist weiterhin auf der
Suche. Wer sich hinter religiösen Dogmen verbarrikadiert, will sich nicht
mehr weiterentwickeln. Sicher ist es sehr gefährlich, in die Fänge eines
Gurus zu geraten, gerade wenn man psychisch instabil ist. Und es ist auch
sehr gefährlich, in dieser Innenansicht der Welt zu verschwinden. Deswegen
achte ich auch immer wieder auf eine klare Analyse der politischen
Situation, damit der Verstand nicht einfach ausgeschaltet wird. Auch die
großen spirituellen Führer, die derzeit leben, etwa der Dalai Lama, sind der
Meinung, dass man sich nicht einfach auf einen heiligen Berg zurückziehen
darf. Gerade als spiritueller Mensch muss man aktiv am Leben teilhaben und
sich engagieren. Nicht das politische Bekenntnis wird derzeit verlacht,
sondern das Engagement an sich. Ich frage mich, ob da nicht ein gezielter
Versuch der Industrie dahintersteckt. Denn engagierte Menschen sind keine
guten Konsumenten. Persönliche Hilfsbereitschaft ist ihnen wichtiger, sie
rufen keine kaufbaren Institutionen an.

Stört Sie nicht manchmal die Schlichtheit der Weisheiten, die der Dalai Lama
von sich gibt?

Wecker: Der Dalai Lama ist ein höchst gebildeter Mensch. Aber
er beherrscht die Kunst, neben sehr komplizierten auch einfache Texte zu
schreiben. Wenn man sich auf einem spirituellen Weg befindet, erkennt man
irgendwann, dass Verstand und Ratio allein nicht glücklich machen. Warum ist
es nicht möglich, sich mit dem Verstand die Welt zu erklären? Mit der Ratio
können wir nicht sagen, warum diese Welt überhaupt da ist. Das ist nur ohne
Denken zu erfahren. In den glücklichsten Situationen in meinem Leben habe
ich nicht gedacht - in der Liebe, in der Musik.

"Ich denke, also bin ich", das ist doch auch ein gutes Gefühl.

Wecker: Solche Momente mag es geben, aber Dasein, nur
Dasein ...