Unrecht hat einen Namen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

19.02.2004

Quelle

unsere zeit - Zeitung der DKP

Autor / Interwiever

Claudia Wangerin

UZ-Interview mit dem Liedermacher und Antimilitaristen Konstantin Wecker

UZ: Du hast schon letztes Jahr an der Demonstration gegen die Münchener "Sicherheitskonferenz" teilgenommen und eine Strafanzeige kassiert. Davon unbeirrt, hast du auch am vergangenen Wochenende an den Demonstrationen teilgenommen. Hast du dich dort schon wieder strafbar gemacht?

Konstantin Wecker: Eigentlich habe ich dieses Jahr nur in gereimter Form gesagt, was ich letztes Jahr ungereimt gesagt habe. Letztes Mal habe ich deutlich zum Desertieren aufgerufen. Diesmal habe ich gesungen: "Lass sie stehen die Generäle und verweigere die Befehle." Das fällt ja vielleicht unter Freiheit der Kunst.

UZ: Wie ist denn der Stand des Verfahrens gegen dich?

Konstantin Wecker: Es ist eingestellt worden. Alles andere wäre ja auch ein Happening geworden; das haben die sich nicht angetan.

UZ: Wie hast du die Demonstration am vergangenen Wochenende erlebt?

Konstantin Wecker: Es war zu erwarten, dass die Demonstration in diesem Jahr kleiner ausfällt. Ich bin nur ein bisschen enttäuscht, dass man so wenig davon mitbekommen hatte. Das ist weniger den Organisatoren anzulasten - aber ich glaube schon, dass noch ein paar Tausend gekommen wären, wenn es bekannter gewesen wäre. Obwohl ich lange vorher wusste, dass ich mitmache, habe ich mir alles aus dem Internet herausziehen müssen - und Bekannte, die nicht direkt mit der Bewegung zusammen sind, haben überhaupt nichts erfahren. Es ist im Moment wohl die Absicht der bürgerlichen Presse, solche Proteste mehr oder weniger totzuschweigen.

UZ: Im letzten Jahr hat auch die Nähe zum Irak-Krieg eine Rolle gespielt. Du selbst warst kurz vor Kriegsbeginn im Irak, bist dort aufgetreten und hast die Patenschaft für ein Kind übernommen. Außerdem hast du Künstler getroffen, die seit mehreren Jahren immer in einer Art Ausnahmezustand arbeiten müssen - und jetzt unter den Bedingungen der Besatzung. Hast du zu ihnen noch Kontakt?

Konstantin Wecker: Im Irak habe ich nur noch Kontakt zu Alexander Christoph von "Architects for People in Need", der in aufopfernder Weise immer noch vor Ort aktiv ist. Von ihm habe ich erfahren, dass mein Patenkind den Krieg überstanden hat. Wir wollten eigentlich im Februar mit einer Delegation von "Kultur des Friedens" noch einmal in den Irak fahren - aber ich muss ehrlich sagen: es war uns zu unsicher. Wir haben im Moment Angst. Auch der Delegationsleiter sagt, er könne es momentan kaum verantworten mit mehreren Leuten in den Irak zu fahren. Ich möchte unbedingt wieder in den Irak, fühle mich aber im Moment nicht sehr wohl bei dem Gedanken.

UZ: Wie schätzt du die Rolle Deutschlands und der EU in diesem Konflikt ein? - Die rotgrüne Bundesregierung hat 1999 mit dem Jugoslawien-Krieg den entscheidenden Tabubruch für künftige deutsche Angriffskriege vollzogen. Im Vorfeld des Irak-Krieges ist es ihr aber gelungen, sich als Friedensmacht darzustellen; sie gab sich besonnener und scheinbar zivilisierter als die USA ...

Konstantin Wecker: ... und im Hintergrund haben sie jede logistische Unterstützung gewährleistet. Wenn ich daran denke, dass sie die Überflugrechte erteilt hat, ist die Bundesrepublik an diesem Krieg ganz genauso beteiligt. Ich denke, an dieser Rolle wird sich auch nichts ändern. Gestern ist ja beschlossen worden, dass man zwar keine eigenen Soldaten schickt, aber einem Nato-Einsatz nicht entgegensteht. Es klingt ein bisschen besser - aber innerlich sind sie sich alle einig, dass es weitergehen muss mit den Angriffskriegen.

UZ: Einer der größten Profiteure des Wiederaufbaus im Irak ist die Firma Siemens ...

Konstantin Wecker: Genau. Eigentlich müssten wir den Vorschlag von Arundhaty Roy aufgreifen - warum stellt man nicht all die Firmen, die jetzt im Irak profitieren, an den Pranger und boykottiert sie?

Ich bin mehr als einverstanden mit der Rede von Arundhaty Roy auf dem Weltsozialforum in Bombay. Es ist unverschämt, ihr zu unterstellen, sie hätte da zu Selbstmordattentaten aufgerufen. Wer ihr das unterstellt, hat ihre Rede nicht gelesen. Eine wunderbare Frau. Sie hat Recht: es genügt nicht mehr, nur zu demonstrieren.

Obwohl ich meine, dass man seinen Protest auch kundtun muss, wenn man weiß, dass es im Moment nichts bewirkt. Erich Kästner hat da mal einen schönen Satz gesagt: Resignation ist keine Haltung. Was mir im Moment zum gewaltfreien Widerstand einfällt, ist der Boykott. Und wie sagte Bert Brecht: Unrecht hat einen Namen. Die Firmen, die mit Waffen dealen und die Firmen, die sich jetzt im Irak bereichern, haben einen Namen - und deren Manager haben auch Namen. Wir leben alle hier und wollen eigentlich ein anderes System. Das ist unser Widerspruch; daraufhin müssen wir uns immer überprüfen.

Meine Frau und ich haben in den letzten Jahren angefangen, uns nach dem Schwarzbuch der Markenfirmen zu richten. Das allein wird die Welt nicht verändern, ist aber ganz gut für die persönliche Hygiene. Manchmal kommt man den großen Konzernen aber auch gar nicht mehr aus dem Weg.

UZ: In der letzten "Scheibenwischer"-Sendung bist Du mit einem Lied aufgetreten das "Unsere Feinde singen unsere Lieder" heißt. Im Publikum saß Politprominenz, die sich da durchaus hätte angesprochen fühlen können. Was hast du in diesem Moment gedacht?

Konstantin Wecker: Das ist der Widerspruch, mit dem ich als Künstler leben muss. Andererseits habe ich auch schon Interessantes erlebt, wenn ich zum Beispiel dachte, was will der eigentlich bei mir? - und dann durch einen Brief erfahren habe, dass da jemand durch die Emotionalität eines Songs einen neuen Denkansatz bekommen hat.

Als ich Lieder gegen den Kosovo-Krieg gesungen habe, waren Teile meines Publikums nicht nur verwirrt, sondern richtig dagegen. Da gab es in letzter Zeit schon mehr Zustimmung. Aber damals war es eben gesellschaftlicher Konsens, dass dieser Krieg ein guter und ein gerechter Krieg sei. Dafür war ja die Gehirnwäsche durch Herrn Fischer auch gegeben.