Früchte, Krieg und Hundertwasser

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

11.11.2003

Quelle

Ost-Thüringer Zeitung

Gespräch mit Liedermacher Konstantin Wecker - Seit 8. November wieder auf Solo-Tournee Konstantin Wecker gehört zu den bekanntesten deutschen Liedermachern. Er schrieb Musicals, Filmmusiken und veröffentlichte CDs. Im Frühjahr reiste der 53-Jährige in den Irak.

Auf Ihrer Homepage ist zu lesen: "Das mag ich so an den Bäumen... Was sie sich im Frühjahr erträumen, verteilen sie später als Frucht." Stecken in Ihrer Solo-Tournee die Früchte Ihres künstlerischen Lebens?

Sie ist eine Ernte, weil ich durch die letzten 30 Jahre schreite. Ich suche mir meine besten Songs aus und singe Lieder aus der sado-poetischen Zeit, weil ich die mit Freuden wieder entdeckt habe.

Zum Beispiel?

"Ich habe meinen linken Arm in Packpapier gepackt". Das war meine erste CD: eine skurrile und hemmungslose Platte. Ich habe mich nicht darum geschert, ob sie jemals im Funk gespielt oder im Laden verkauft wird.

Wie ist es mit Kostproben aus der Ende Oktober erschienenen limitierten Sonderedition "Mey Wader Wecker"?

Ich werde Waders wunderschönen Titel "Schon so lang", den ich gern geschrieben hätte, singen.

Und wie politisch wird das Programm werden?

Das weiß ich noch nicht.

Da wird es aber höchste Zeit, sich Gedanken zu machen!

Das kann sich einen Tag vor dem Auftritt ändern. Die Lieder gibt es ja.

Verstehen Sie sich als einer der letzten Liedermacher?

Gewiss. Es gibt ein paar junge Künstler, die sich wieder als Liedermacher bezeichnen. Ich finde es anrührend, dass sie diesen altmodischen Begriff wählen.

Warum schaffen sie es nicht, bekannt zu werden?

Weder Plattenfirmen noch Medien geben ihnen im Moment eine Chance. Wenn Musik im Fernsehen kommt, ist es Volkstümliches oder der Casting-Quatsch. Die Industrie setzt durch, was sie sich vorstellt.

Talente werden dennoch entdeckt.

Sicherlich. Mich stört, was am Ende produziert wird. Beispiel RTL: Der Sieger muss ein Lied von Dieter Bohlen singen. Das ist doch kein Preis, das ist eine Strafe. In den 70er und 80er Jahren konnte der Künstler seine Ideen umsetzen und denen musste sich die Industrie unterordnen.

Warum fördern Sie nicht begabte Leute?

Ich bin an einem Rundfunksender dran. Im Fernsehen gibt es keine Möglichkeiten, in einer Sendung junge Talente im Bereich Chanson vorzustellen.

Im nächsten Jahr hat das Hundertwasser-Musical in Uelzen Premiere. Die Musik stammt von Ihnen. Sind Sie ein Fan des Architekten?

Er ist ein spannender Mann. Die Welt wäre viel schöner, wenn sie von Hundertwasser durchgestylt wäre. Ich bekam das Angebot vom Landestheater Hannover, das mit der künstlerischen Betreuung des Stücks beauftragt wurde. Es ist halbfertig, und ich kann wunderbar meine Melodienkraft ausschöpfen. Die Idee des Musicals stammt von der Stadt Uelzen, die dort einen Hundertwasser-Bahnhof hat.

Im Frühjahr reisten Sie in den Irak, um gegen Krieg zu protestieren. Haben Sie das Land noch einmal besucht?

Ich wollte im Herbst fahren, aber da war es zu gefährlich. Geplant wird nun für Februar.

Ärgert Sie es noch, wegen der Reise angegriffen worden zu sein.

Natürlich. Was ist das für eine Unverschämtheit, hier auf seinem Arsch zu sitzen und sich über jemanden zu erregen, der etwas unternimmt. Und ich denke nicht mehr daran, mich für mein Engagement zu verteidigen.

Was ist inzwischen aus Ihrem Patenkind Armir geworden?

Es lebt und ich hoffe, dass ich es nächstes Jahr treffen werde.

Was macht für Sie das Leben dennoch schön?

Am Abend meinene vier- und sechsjährigen Söhne in den Armen zu halten. Und wenn ich spiele, in die Gesichter meines Publikums zu schauen.

Gespräch: Ilona Berger Termin: 27. 11, Volkshaus Jena(Foto: ddp)