Freiheit, Sucht und Haubentaucher

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

14.11.2003

Quelle

Fränkischer Tag

Autor / Interwiever

Birgit Abraham

Ehrlichkeit und gute Arbeit: Konstantin Wecker im Forum

Abends, wenn die Forum-Halle sinnlich wird - und das ist in dieser anheimelnden Umgebung gar nicht so einfach - dann hat der deutsche Liedermacher Konstantin Wecker auf seiner Solo-Tournee seine Zähne ausgepackt und singt eigene ("nichtbestellte") Lieder.


Umrahmt von Automobilwerbeparolen, federte der 56-jährige - markenlos mechanikerblau gekleidet - auf die Bühne und gründelte chronologisch vorgehend in seinen verschiedensten Lebensphasen. Dabei holte er so manche Kostprobe herauf und gab einen Querschnitt seines Werkes zum Besten.
Mehr als dreißig Jahre zurück liegen des Konstantin Amadeus Wecker "sadopoetische" Anfänge, festgehalten auf einer ersten skurrilen und hemmungslosen LP, die sich nicht darum scherte, ob sie verkäuflich war. In jugendlich-poetischen Bilderfluten war hier politisch völlig unkorrekt von Lüsternen und Irren die Rede - zu einer Zeit, als beispielsweise Hannes Wader schon ein politisches Profil hatte. Das kam bei Wecker später auch noch, da scheinbar wieder Friede herrschte in unserem Land. Als wütender Einzelner sang Wecker damals gegen die satte Genügsamkeit und das unpolitische Spießbürgertum der späten 70er Jahre: "Schon Schweigen ist Betrug."

Durch die Geschichten-Einlage "Tomaten am Balkon" beweist Wecker sein kabarettistisches Talent. Mit viel sinnlichem Wortwitz beschreibt er darin das Lokalkolorit einer oberbayrischen Wirtshausstube, während von der Bamberger Außenwelt Pizzageruch durch die Halle wabert.


"Ist die Freiheit wie ein bunter Vogel?" fragt der Dichter, poetische Klischees kritisch beleuchtend. So ein Schmarrn - also wenn´s schon was Gefiedertes sein muss, warum dann nicht ein Haubentaucher? Die Freiheit ist also kein bunter Vogel, aber Wecker schon. Mal verinnerlicht-knödelig ("Der Wehdam"), mal schmalzfrei-nabelschauend ("I werd oid"), aber auch politisch zornig kann er sein ("Vaterland"). Vor allem die Rüstungsindustrie wird ihm zeitlebens ein Gegner bleiben, den er nimmermüde bekämpft: "Erst mästen wir irgendwelche Schurkenstaaten mit unseren Waffen, und wenn sie zu fett geworden sind, schlachten wir sie und verdienen erneut daran. Tobe, zürne, misch dich ein!" Er ist, nicht zuletzt als Brecht- und Kästner-Interpret, ein Altlinker geblieben, auch wenn er inzwischen zum Establishment gehört - ebenso wie große Teile seines Publikums, das nicht weniger als er selber in die Jahre kommt. Aber was heißt das schon? Wenn man sieht, wie dieses Publikum mitgeht, wie es bekannte Lieder mit Applaus quittiert, den Rhythmus mitklatscht und spontan dem Sänger den "chorus" stellt - dann weiß man: Es war eine schöne Zeit, und sie ist ja noch gar nicht vorbei.

Dass die Hochkonjunktur seines Genres vorüber zu sein scheint, kümmert den Konstantin nicht. Er kann sich auf sein Publikum verlassen, und auf seine musikalische Intuition und pianistische Virtuosität auch. Er weiß: Wir kennen ihn mit all seinen Höhen und Tiefen, die er im biografischen Rückblick übrigens nicht auslässt. "Nur du hast das Recht, dein Richter zu sein", und so manchen Gag baut er jetzt souverän auf eigene Kosten ein: "Und du bist endlich wieder d/zu" ...

Wecker schafft es immer noch und immer wieder, bei den Zuhörern anzukommen, weil er ehrlich ist, und weil er gute Arbeit bietet. Die zahlreichen Zugaben, die verlangt werden, liefert er ohne Murren.