Konstantin Wecker: Ich singe, weil ich ein Lied hab´

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

20.11.2003

Quelle

Märkische Oderzeitung

Eberswalde (MOZ) "Ich singe, weil ich ein Lied hab´, nicht weil es euch gefällt... Ich singe, weil ich ein Lied hab´, nicht weil ihr´s bei mir bestellt..." Bereits mit den ersten Tönen weiß das Publikum, woran es mit Konstantin Wecker ist. Es ist der Titelsong von seiner ersten Live-LP, erschienen 1975. Da hatte der damals 28-Jährige bereits ein recht bewegtes Leben hinter sich.

Mit 12 Jahren riss Konstantin Wecker das erste Mal von zu Hause aus, weil er von einem Leben als "freier Dichter" träumte. Noch vor dem Abitur hatte er erste Soloauftritte in der Kleinkunstszene Münchens, studierte an der Musikhochschule und dann Philosophie und Psychologie an der Uni der bayerischen Landeshauptstadt. Er gründete die Rock-Soul-Gruppe "Zauberberg" mit, war Pianist und Arrangeur in Tonstudios und übte sich schließlich als Schauspieler in Sexfilmen -Stationen eines Lebens.

"Stationen" heißt auch die Solo-Tournee, mit der Konstantin Wecker zurzeit durch die Lande zieht. Es sind Lieder aus drei Jahrzehnten - seine Lieder, in denen er Deutschland und die Deutschen beschreibt, so, wie er sie sah und sieht. In denen er eintritt für die Individualität des Einzelnen - immer auch selbst auf der Suche nach dem Leben, nach dem Sinn des Seins.

Als Wecker am Mittwoch-abend in Eberswalde (Barnim) Station bei "Musik nach Kassenschluss" macht, einer Konzertreihe von und in der Sparkasse Barnim, da wundert er sich selbst: "Es ist für mich ungewöhnlich, in einer Bank zu spielen..." Der erklärte "Linke" aus der Generation der 68er vernimmt deshalb nicht ungern, was Gastgeber und Vorstandschef Josef Keil zu sagen hat: "Die Sparkasse macht eine Metarphose durch. Dort, wo sonst Geld und Zinsen regieren, regiert die Kunst und ein Künstler, der uns einen Spiegel vorhält, der uns mit seinen Texten herausfordert."

Charmant und kokett führt Wecker in Eberswalde durch den Abend und sein Leben. Augenzwinkernd trägt er sein erstes Liebeslied vor, entstanden Anfang der 70er Jahre: "Ich habe meinen linken Arm in Packpapier gepackt und nach Paris geschickt..." Was der 56-Jährige heute als seine "sadopoetische Phase" bezeichnet, kommentiert er so: "Sie sehen, die Lieder waren damals von einer gewissen pubertären Art durchdrungen." Und tröstet das Publikum und sich sebst: "Etwas später wollte ich dann andere Liebeslieder schreiben."

Wecker ist ein begnadeter Pianist, ein brillanter Komponist und Texter, ein professioneller Künstler. Das macht es ihm leicht, auch Lieder zu singen, die so agitatorisch daher kommen, dass sie jedem anderen übel genommen würden. Nicht aber Wecker. Sein Publikum liebt ihn - auch und gerade, wenn er im "Waffenhändler-Tango" die Binsenweisheit verkündet: "Unsere Freiheit ist doch nur - dieses Lied beweist es - die des Marktes und nicht die des Geistes..." oder ihnen singend zuruft: "Mensch, gib acht!"

Fast zum Ende des Konzerts singt er "Die Ballade von Antonio Amadeu Kiowa", geschrieben 1993, nachdem ein Schwarzafrikaner in Eberswalde von Rechtsradikalen erschlagen worden war. "Deutschland den Deutschen, grölts durch Eberswalde, und mit Baseballschlägern und Messern gehts den Negern an den Kragen...", singt Konstantin Wecker. Auch und gerade in Eberswalde.