Bin auf meinem Weg . . .

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

26.11.2003

Quelle

Lausitzer Rundschau

Autor / Interwiever

Thomas Klatt

Wecker spielt in Cottbus Wader, Brecht, Puccini und natürlich Wecker

Als vor 25 Jahren auf den üblich verschlungenen Pfaden die erste Konstantin Wecker-LP auftauchte, wurde er im Westen gerade berühmt. Hier im Osten war man eher überrascht, in welch subtiler Form sich die 68er-Ideen fortpflanzten. Wecker war schon damals ein sensibler Liedermacher mit Herz, Charme und Poesie, der das Politische nicht scheute, aber auch nicht plakatierte. Das gerollte Ufa-R beherrschte er vorzüglich. Erst später fand der ahnungslose Lausitzer heraus, dass es sich dabei um ein gepflegtes Bayerisch handelte.

Am Montagabend in der Cottbuser Stadthalle gibt Wecker einen musikalischen Abriss seines Lebens. Er singt, erzählt Geschichten, wechselt vom Bösendorfer Flügel, den er mal zärtlich berührt und ihm im nächsten Augenblick die kräftigen Anschläge des Blues zumutet, zum Tischchen hinüber, wo er eigene Kurzgeschichten liest. Am Flügel beginnt er mit den frühen Liedern, vom Sänger, den man zu Grabe trug, weil er nur von der Sonne, dem Mond und vom Wind sang, und antwortet mit eigener kraftvoller Poesie: Wenn der Sommer nicht mehr weit ist/ und der Himmel violett/ weiß ich, dass das meine Zeit ist/ dass die Welt dann wie ein Weib ist/ satt und ungeheuer fett.
Genug ist nicht genug, die alte Genießer-Hymne gegen die Asketen und die Bescheidenheit predigenden satten Röcke.
Mit seiner Kokainaffäre kokettiert er ein wenig. Zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr war er "im Dämmerzustand" , erklärt es aber ironisch mit Proust, eben Auf der Suche nach der verlorenen Zeit . Aber nach der überstandenen Sucht hieß es wieder: Ansingen gegen die alten Bürgerseligkeiten. Und zeigt große Selbstironie, als er von der Kneipe in Ruhpolding erzählt, in der er beinahe Revolution gemacht hätte, wenn doch noch jemand eine Rothändle gehabt hätte.
In der Dominikanischen Republik zum runden Geburtstag trifft er auf etablierte Altlinke, die zum Sonnenuntergang Bob Dylan klimpern. Er antwortet darauf mit einem eigenen Dylan-Thema. Dann singt er eines der schönsten Lieder seines Freundes Hannes Wader:
Bin auf meinem Weg schon so lang
hab die Liebe gesehen
schon so lang
Seh die Welt oft im Traum
Schon so lang
Als Pilzwolkenbaum
Schon so lang
Euch, ihr Herren der Welt
Eure Lügen, den Mord
An Millionen, die glauben
An Euer Wort/Schon so lang

Vom Schwimmen in Seen und Flüssen ist ein vertontes Brecht-Gedicht und wird zu einem der berührendsten Lieder des Abends. Mit dem "Willi" , Weckers bekanntester politischer Figur, hält er Zwiesprache mit Amadeo Amadeu Kiowa, der in Eberswalde von Nazis zu Tode geprügelt wurde und fragt sich noch immer, wo der Hass herkam in Rostock, Hoyerswerda, Mölln oder Solingen.
Nach über zwei Stunden Solokonzert will ihn die Fangemeinde nicht gehen lassen. In der letzten der fünf Zugaben spielt er ein Lied über seinen Vater. Ein sensibler, aber erfolgloser Opernsänger, der alle Zeit der Welt hatte, dem Sohn die Klassik nahe zu bringen. Als Wecker Puccinis Nessun dorma improvisiert, hält der Saal den Atem an. Dann geht er.
Was bleibt von diesem Abend? Die Langzeiterinnerung an einen außergewöhnlichen, ehrlichen Künstler, der sich auch bei seinem überschaubaren Cottbuser Publikum wohl fühlte. Die Gewissheit, dass es Hoffnung gibt, dass Kriege nicht das Normale sind, dass die Dummheit endlich ist. Ein Moment des Innehaltens, des noch nicht Gehen-Könnens voller Wärme und Vertrautheit.
Einfach nicht verzagen - überstehen! Leben ist Brücken schlagen, über Ströme, die vergehen .

Heute um 17 Uhr ist "Pinocchio" , ein Stück für Kinder, in der Cottbuser Stadthalle zu sehen. Die Musik ist von Konstantin Wecker.

von thomas klatt