Sehnsucht nach Sehnsucht

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

08.12.2003

Quelle

Sächsische Zeitung

Autor / Interwiever

Peter Ufer

Konstantin Wecker begeistert im Dresdner Schlachthof mit biografischem Liedgut

Genug ist nicht genug. Konstantin Wecker singt und pflegt den ewigen Auftrieb über die satten Weiden des Lebens. Selbstzerstörung inbegriffen. Doch als inzwischen 53-jähriger weißbehaarter Brillenträger lächelt er mild über seinen sadopoetischen Drang, diese Sehnsucht zu stillen.

So beginnt sein biografischer Liederabend am Mittwochabend im ausverkauften Dresdner Alten Schlachthof mit seiner ersten erfolglosen Platte aus dem Jahr 1973: "Die sadopoetischen Gesänge des Konstantin Amadeus Wecker". Der Geschichtensänger tut dies stets selbstironisch, immer poetisch.

So singt er erinnerungsbelustigt über Irre im Park, Spanner hinter Büschen, helle Mädchenschenkel und immer höher rutschende Röcke. Offensichtlich war er da noch inspiriert von seinem Filmschaffen von 1972 bis 1974, wo er in so wegweisenden Streifen mitspielte wie "Beim Jodeln juckt die Lederhose".

Davon ist keine Rede. Es war wohl genug. Der bekennende Bayer spielt sich vielmehr in seinem Dialog mit den alt bekannten Liedern und Zuhörern durch die 70er Jahre bis zu seiner Durchbuchs-LP "Genug ist nicht genug" von 1977. Diese Scheibe erhielt der DDR-Bürger immerhin schlappe fünf Jahre später, aber wohl auch nur deshalb, weil ein Bundesbürger zum Ungehorsam gegen das etablierte Wirtschaftswunder aufrief.

Wenn Wecker Kampflieder wider die "Börsianer" und hymnische Aufrufe gegen rechte Gewalt reimt, ungeduldig in die Tasten haut, dann ist er stark wie vor über 20 Jahren. Und weil die deutsche Liederlyrik heute höchstens noch der Hip-Hop pflegt, wirken Weckers Kraftaussprüche wie ein homöopathisches Frustschutzmittel. "Leben ist Brücke schlagen über Ströme, die vergehen." Das Publikum honoriert es mit Beifallsstürmen und bekommt nicht genug, fordert Zugaben.

Konstantin Wecker nimmt es dankbar auf. Und selbst wenn er gelegentlich mit seiner Vorstrafe kokettiert, scheinen seine musikalischen Bekenntnisse durch die eigene Vergangenheit ehrlich gemeint. "Meine Lieder waren oft klüger als ich." Vor allem aber sind seine Lieder und gelesenen Texte Poesie. Auch wenn es vor Jahren vor allem die Sehnsucht nach dem Auftrieb war, so bleibt ihm heute nur noch die Sehnsucht nach der Sehnsucht. Die Kraft von einst treibt ihn nicht mehr. Er beginnt sich zu genügen. Doch genug ist nicht genug.