Weil er ein Lied hat

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

28.07.2003

Quelle

Hildesheimer Allgemeine Zeitung

HAZ-Gespräch mit dem Sänger Konstantin Wecker: "Gefühl und Sein und
Nichtdenken\"

HILDESHEIM. Den Soundcheck für seinen Auftritt beim
Open-Air-Sinti-Musikfestival hat er beendet, er ist mit dem Flügel zufrieden: "Ein Steinway.\" Zu Hause hat er einen Bösendorer, erzählt er. Das Gespräch im Hotel mit HAZ-Redakteur Andreas Bode beginnt quasi vor dem Anfang. Eine halbe Stunde sollte es dauern, daraus werden fast anderthalb:10über
Musik, Politik und das Nichtdenken.

Ein Mann voller Temperament, blitzende Augen, völlig unkompliziert.
Warum er beim Sinti-Festival auftritt, noch dazu ohne Gage? \"Das hat
einen Hintergrund\", sagt Konstantin Wecker, \"und der heißt Ricardo
Laubinger. Der hat mir geholfen.\" Bei einer eigentlich unglaublichen
Geschichte. Da hatten ihn im Internet Sinti beschimpft, wegen seines
inzwischen 20 Jahre alten Liedes \"Zigeiner san kumma\". Laubinger, Vorsitzender des Vereins Hildesheimer Sinti, habe die aufgebrachten Sinti beruhigt, ihnen klargemacht, dass sie Wecker vollkommen missverstanden hätten,
sei zu einem seiner Konzerte gekommen. Daraus wurde Freundschaft.

In Hildesheim, verrät Wecker, gibt\´s eine Welturaufführung des
\"Zigeiner\"-Liedes, dieselbe Melodie, aber mit neuem Text, eine Fortsetzung.
Und selbstverständlich werde er mit Sinti-Musikern gemeinsam spielen.
Die Verbindung der unterschiedlichen Kulturen, das reize ihn.

Er arbeite gerade mit einem Exil-Iraker musikalisch zusammen: "Ich
weiß noch nicht, was rauskommen wird\", aber nach den ersten
Begegnungen: "Das klang schon ganz schön gänsehautmäßig.\"

Was hat er bei der Anmeldung im Hotel als Beruf angegeben? "Sänger.\"
Nicht Liedermacher? Die Bezeichnung empfindet der 56-jährige Münchner
als \"nicht besonders schön\". Kurzes Nachdenken: "Cantatore stimmt
wohl.\" Ein politischer Sänger? Es sei \"notwendig, in die politische
Dimension des Denkens die eigene Dimension einzubringen\".

Es gehe ihm nicht darum, eine Idee zu verteidigen, sondern um die
Frage: "Hat das mit mir zu tun?\" \"Intelligenz hat immer mit
Selbsterkenntnis zu tun. Reines Denken kann nie einen Gesamteindruck vermitteln.\"
Sondern? \"Gefühl und Sein und Nichtdenken\", gerade beim Improvisieren
komme das besonders stark zum Ausdruck. \"Das Sein ist das
Wichtigste.\"

Will Wecker mit seinen Liedern etwas erreichen? \"Es gab kurze Momente,
in denen ich pädagogisch war.\" Etwa in \"Sage nein!\" \"Da wollte ich
auf etwas hinweisen, auch durch die neuen ,Willy`-Versionen. Aber
eigentlich will ich schreiben, weil es mich dazu drängt.\" Und er zitiert
eines seiner bekanntesten Lieder: "Ich singe, weil ich ein Lied hab.\"

Abrupter Wechsel zur aktuellen Politik. Konstantin Wecker hat den Irak
besucht, vor dem Beginn des Krieges. Nun die Meldungen, die beiden
Söhne Saddam Husseins seien erschossen worden. Es sei doch \"zu fragen,
wieso man es hinnimmt, dass Leute, die als böse erklärt werden, erschossen
werden\". Auch wenn die beiden böse gewesen seien, Demokratie erfordere
eine Gerichtsverhandlung. So heiße es doch: "Wir erklären jemanden für
vogelfrei.\"

Zurück zur Musik. In welcher musikalischen Tradition steht er? \"Meine
Herkunft ist eigenartig\", erzählt er. Er komme von der italienischen
Oper.

Der Vater war Opernsänger, \"ein ziemlich erfolgloser\". Und den habe
er als Junge am Klavier begleitet, italienische Opern, er habe dazu die
Frauenstimmen gesungen: "Der Fundus, aus dem ich schöpfen kann. Es ist
eine Fülle von Melodien in mir.\" Und lächelnd fügt er hinzu, das sei
die Chance, die man besitze, wenn man einen nicht erfolgreichen Vater
habe. Sonst wäre der ja dauernd auf Tournee gewesen.

Erst mit 20 sei er zum Blues und Rock gekommen, zu Janis Joplin: "Da
geht es um ein Lebensgefühl.\" Und zu Jimi Hendrix: "Ein musikalisches
Urereignis.\"

Kann er mit seiner Musik, mit seinen Texten etwas bewirken? Seit 30
Jahren bekomme er Briefe von Menschen, die ihm schrieben, sie hätten durch
seine Lieder den Mut bekommen, ihr Leben zu verwandeln, zu ändern.

Sich auffordern, sich selbst zu folgen, das sei es: "In dir selbst
nachschauen.\" In dem Sinne habe er etwas bewirkt.

Hat er das Publikum durch seine Kokain-Affäre enttäuscht? Das Publikum
weniger, sagt Wecker, aber Schallplattenläden hätten seine Aufnahmen
nicht mehr verkauft, von Kleinstadtvereinen seien die Angebote
zurückgegangen: "Ich war dann nicht mehr in.\"

Ist er auf der Bühne immer er selber? \"Ich bin am echtesten auf der
Bühne - auch in der Drogenzeit.\" Und er präzisiert: "Es ist immer ich,
wovon ich singe.\"

Wie arbeitet er, was ist zuerst da, Text oder Musik? Ganz in der
Tradition der großen Liedkomponisten der Text: "Die Zeile muss mich
überfallen, das muss völlig aus dem Nichtdenken passieren.\" Wenn die Zeilen
gedacht werden, stimmen sie auch nicht. \"Ich bin ein spiritueller
Mensch.\" abo