Man muss Kinder nicht gleich in den "Parsifal" setzen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

08.08.2003

Quelle

Frankfurter Rundschau

Zu Saint-SaEBns´ "Karneval der Tiere" schrieb Loriot einst einen Text, Konstantin Wecker wird ihn jetzt an artgerechtem Ort rezitieren



FR: Wenn man im Internet die Begriffe "Konstantin Wecker" und "Kinder" miteinander kombiniert, bekommt man an die 2700 Treffer. Vor sagen wir einmal zehn Jahren war weder das Internet noch Sie selbst so weit, da eine Übereinstimmung zu finden. Ihr Herz für Kinder ist also ziemlich jung.

Konstantin Wecker: Damals hätte es wahrscheinlich keinen einzigen Eintrag gegeben! Das liegt sicher auch daran, dass ich erst jetzt selbst Kinder habe. Aber eigentlich ist Christian Berg daran schuld.

Er ist für Ihre Kinder verantwortlich?

Nein, das war ich hoffentlich selbst! Der Kindertheatermacher Christian Berg hat mich dazu gebracht, Musik für Kinder zu schreiben. Ich sei sein Wunschkomponist, hatte er gesagt. Fünf Jahre ist das jetzt her, für mich war das völliges Neuland, ich kannte weder Berg noch habe ich bis dahin ein Kindermusical gesehen. Aber von seiner neuen Art, interaktives Theater und Musicals für Kinder zu machen, war ich dann absolut begeistert. Mit unserem Jim Knopf konnten wir dann einen richtig großen Erfolg landen, das hätte ich nicht gedacht. Mein Sohn Valentin war damals gerade zwei Jahre alt - hätte ich da noch kein Kind gehabt, hätte ich vielleicht sogar abgelehnt.

Weil Sie diese besondere Ansprache emotional nicht berührt hätte?

Ja, wahrscheinlich. Aber jetzt, wenn hunderte Kinder im Theater begeistert mitgehen, dann lässt mich das wirklich nicht mehr kalt.

Der "Karneval der Tiere" von Camille Saint-Saens jetzt im Frankfurter Zoo-Palais: Ist das Ihrer Meinung nach Kindermusik?

Nein, sicher nicht. Aber ich finde nichts Schlechtes daran, dass man für Kinder Musik macht, die keine echte Kindermusik ist. Kinder können viel mehr verkraften als man glaubt - man muss sie ja nicht gleich in den Parsifal setzen. Aber zum Beispiel Mozart oder auch der Barbier von Sevilla, eine meiner absoluten Lieblingsopern, das hat mein Kleiner mit drei, vier Jahren immer wieder gehört und sogar nachgesungen. Man kann die wirklich fordern, mehr als man denkt.

Aber was Erwachsene witzig finden, etwa beim "Karneval" Schildkröten, die einen Zeitlupen-Can-Can tanzen, lässt Kinder oft schonungslos kalt.

Kindermusik ist ja immer auch Erwachsenenmusik. Selbst in einem reinen Kindermusical sitzen zu 60 Prozent Omas und Opas und Anhang; da beneide ich Christian Berg richtig, weil der vier Karten verkauft, wo ich nur eine verkaufe bei meinen Konzerten. Jede gute Musik für Kinder hat immer auch eine Sub-Ebene für Erwachsene dabei. Das ist bei den klassischen Werken wie Peter und der Wolf oder Karneval der Tiere genauso: das ist auch für uns einfach zauberhafte Musik.

Welches Alter würden Sie als neuer Kinderfachmann empfehlen für das Konzert im Palais im Zoo?

Das ist sicher nichts für Vier- oder Fünfjährige. Ich werde meine Kinder zwar mitbringen, aber ich weiß nicht, ob sie es durchhalten. Aber wenn sie es schaffen, wirklich sitzen zu bleiben und sich darauf einzulassen, kann sie die Musik erfassen. Musik wirkt ja auf einer nonrationalen Ebene, und die ist ganz schwer zu berechnen.

Ihr Vater war ja Opernsänger, Sie selbst nannten sich auf ihrer ersten Platte, die mit den "Sadopoetischen Gesängen" von 1972, Konstantin Amadeus Wecker. Eigentlich sind Sie ja ein echter Klassiker.

Das mit dem Amadeus war eine Idee der Plattenfirma. Aber es stimmt, ich komme von der Klassik her. Das wissen die Wenigsten, und es ist ja auch recht ungewöhnlich. Meine Kollegen kamen alle vom Folk oder vom Pop, waren amerikanisch beeinflusst. Ich aber bin bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr mit kaum etwas anderem in Berührung gekommen als mit italienischer Oper und deutscher Klassik. Das hat mich geprägt. Erst mit zwanzig dann hat mich der Blues erwischt, und der Rock´n´Roll - aber mehr als gesellschaftliche Attitüde und soziologisches Phänomen.

Attitüde und Phänomen, weil diese Richtung rein musikalisch gesehen wenig hergibt?

Genau; aber man kann sich dabei rauslassen, was für mich völlig neu war, und man kann improvisieren. Und dieses wirklich freie Improvisieren quer durch die Stile, ohne jedes Blues- oder Jazz-Schema, macht mir immer noch wahnsinnig viel Spaß.

Ihre Rolle jetzt beim Konzert des Rheingau Musik Festivals ist geradezu klassisch festgelegt: Sie sprechen zum "Karneval der Tiere" die Zwischentexte von Loriot. Ein wenig betulich kann dieser Text ja mitunter schon wirken, oder?

Wenn Loriot spricht, ist nichts bieder. Ich halte den Text durchaus für sehr gut, allerdings richtet er sich schon auch an Erwachsene. Wenn Loriot ihn hier selber sprechen würde, wären die Kinder begeistert, allein wegen seiner Person; und das müsste mir halt auch gelingen.

Haben Sie den Text an den eigenen Kindern ausprobiert?

Ich habe es mit der originalen Loriot-CD versucht. Allerdings kann ich darauf hoffen, dass ein Konzert immer noch mehr Magie hat. Mit meinen beiden Söhnen, sie sind fast vier und sechs, werde ich es demnächst mit Hänsel und Gretel versuchen. Das war damals auch für mich das absolute Einstiegserlebnis in die Klassik - ich war sowas von fertig, wegen der Hexe und allem.

Schade eigentlich, dass bei dieser Zoologischen Fantasie kein Adler vorkommt. Das war immerhin lange ihre Rolle: "I war a Adler, wissts es no. Und mir war klar, nix bringt mi um", heißt es in einem ihrer frühen Lieder.

Oh, das wäre schön. Wie Saint-Saens den Adler wohl instrumentiert hätte? Vielleicht mit Hörnern; eine Flöte wäre da zu wenig.