Mit leichtfüßigem Trotz

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

17.09.2003

Quelle

Rhein-Mainer

Autor / Interwiever

Jan-Geert Wolff

Bilanz einer Karriere: Konstantin Wecker im Mainzer "unterhaus"


Er parliert auf den Tasten und hebt mit mächtiger Stimme an, über die Liebe zu singen; er erweckt längst Vergangenes wieder zu neuem Leben, singt an gegen das Establishment - und weiß doch, dass auch er mittlerweile dazu gehört. Konstantin Wecker (56) ist ein Magnet mit diversen physikalischen Eigenschaften: Manche stößt er ab (oder besser: vor den Kopf), viele zieht er an. Das ausverkaufte Mainzer "unterhaus" zeigte da nur: Er hat noch immer seine Fans, die ihn und seine Lieder brauchen. Auch umgekehrt: "Ich benötige keinen Psychiater, ich habe ja mein Publikum", erklärt der joviale Bayer, der zwar ergraut, doch innerlich immer noch der altlinke Revoluzzer ist. Gott sei Dank.

Seine Botschaft, die er in seinen Liedern und Texten vertritt, ist einfach formuliert, doch schwer umzusetzen: Sei frei, befreie Dich und andere, sei gut und glaube an die Liebe. Natürlich weiß Wecker, dass er hier Mut und eine Moral fordert, der er selbst nicht immer genügen kann. Das gesteht er frei ein. Der "Konni" hebt aber nicht nur den Zeigefinger: Er fordert und fördert gleichermaßen den Mut, zu seinen Meinungen und Gefühlen zu stehen, sei der Gegenwind auch noch so stark.

Das Publikum kennt den Wecker mit all seinen Höhen und Tiefen. Das erklärt wohl auch die Anziehungskraft und das Charisma des Barden: Er war ganz oben, ganz unten, steht heute mit einer leichtfüßigen Selbstverständlichkeit und Überzeugung auf den Bühnen der Kleinkunsttempel und großen Konzerthallen - das drückt Lebenswille, Überlebenswille aus, ein fast schon trotziges: "Und es geht doch!"

Im Foyer des "unterhauses" hängt ein Foto des jungen Konstantin Wecker. Und wer nicht in den ersten Reihen sitzt, um sein spitzbübisches und so gewinnendes Lächeln zu sehen, bekommt an diesem Abend zumindest akustisch mit, wie Wecker sich verändert und doch auch immer treu geblieben ist. Das Programm ist eine Reise durch die nun schon fast dreißigjährige Vita Weckers: von den "sadopoetischen Gesängen" bis zu den aktuellen Titeln "Amerika" oder "Wenn die Börsianer tanzen", "Vaterland" und "Wedam" oder Lieder älteren Datums wie "Ich singe, weil ich ein Lied hab", "Im Namen des Wahnsinns", das berührende "Die weiße Rose". Weckers Werdegang ist auch eng mit dem "unterhaus" verknüpft - hier half man ihm in den Anfängen, was er nicht vergessen hat. Mit der letzten Zugabe, einem liebevollen Gedicht auf seinen Vater, dankt und gedenkt Wecker der dieser Tage verstorbenen "unterhaus"-Mitgründerin Renate Fritz-Schillo. Und das geht schon unter die Haut.