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Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

17.09.2003

Quelle

Frankfurter Rundschau

Autor / Interwiever

Frank Schuster

Konstantin Wecker in Mainz



Er greift gerne und oft in die Vollen. Egal, ob auf dem Klavier, in seiner Lyrik oder in seinem Leben. In die Tasten haut er nur selten mit weniger als zehn Fingern und singen tut er, als gälte es, die Nerven öffentlich blank zu polieren. Und dann sitzt er auch noch da, wie ein Boxer im Boxring, zieht sich nach jedem Lied ein Handtuch durchs verschwitzte Gesicht, so, als ob es wieder frei zu bekommen wäre für das nächste Song-Dramolett, den nächsten Seelenstriptease. Und das Leben? Ach ja, das Leben...

Dabei ist Singen schlicht und einfach sein Beruf. Das verrät Konstantin Wecker gleich mit seiner ersten Liedzeile: "Er war Sänger wie andere Bäcker oder Handelsvertreter sind." Doch wer im Mainzer Unterhaus nimmt ihm das schon ab? Die Bestätigung hängt förmlich im Saal, als der Liedermacher, scheint´s, wieder ganz der alte wird: die seicht dahin getupften Akkorde legen an Gewicht zu, werden schwerer, schon hat Wecker wieder - ganz wie früher - alle zehn Finger auf der Tastatur, die Strophenbegleitung schwillt an, wird laut, lauter und mündet in einen pompösen Refrain: "Ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht, weil es euch gefällt."
Das will man hören. Den unbequemen, den aufrechten Wecker, nicht den katzbuckelnden, duckmäuserigen. Einer, der sich alles nimmt. Und der, weil er sich alles nimmt, überall aneckt. Und der, weil er überall aneckt, brüllen muss. Am besten in ein Lied verpackt.

Denn das kann er so schön. Seine Wut, seine Sorgen, aber auch seine Liebe, seine Verletzbarkeit in Lieder packen. In Songs, die in einem Moment ganz zärtlich sind, und im nächsten schon wieder stürmisch, die aufbrausen können, zuerst sanft wie ein Bächlein plätschern und dann wütend werden, Wellen schlagen, Wogen, die so groß sind wie das Meer.

Dabei ist er alt geworden. Aber das macht nichts. Auch wenn er ein Lied darüber singt. Darüber, dass man seine Brille am besten gar nicht mehr aufsetzt, um im Spiegel seine Falten nicht zu sehen. Darüber, dass man sein Haar jetzt dahin kämmen muss, wo es früher einmal war. Alter spielt für einen Rebell doch keine Rolle, vor allem, wenn er weiter rebellisch lebt. Klar hat er mal für eine gewisse Zeit den Boden unter den Füßen verloren. Doch das ist vorbei. Jetzt hat er den "Urgrund", wie er sich ausdrückt, wieder gefunden. Geholfen hat ihm dabei die Musik, haben ihm seine Lieder, vor allem seine alten, die mehr über ihn wissen, als er selber über sich weiß.

Also spielt man so ein altes Lied. Zum Beispiel eines, in dem es darum geht, dass man doch eigentlich immer am Strand leben könnte. Da scheint die Sonne. Das macht glücklich.

Er wäre gerne am Amazonas geboren. Zwischen zwei Regenzeiten. Aber er erblickte im unspektakulären Bayern das Licht der Welt. Deswegen musste er die ganze "Action" in seinem Leben nachholen, plaudert er in Form eines alten Gedichtes aus. Übrigens: Den ganzen Abend ist von Kokain keine Rede. Deshalb reden wir auch nicht davon.

95 Mainzer Unterhaus, Münsterstraße 7, Konstantin Wecker tritt auch heute, Mittwoch, 20 Uhr, mit seinem Solo "Weckerleuchten" auf. Karten-Tel. 06131/ 23 21 21.