Weltpolitik zum Fühlen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

25.06.2003

Quelle

Münchner Merkur

Autor / Interwiever

Philipp Catterfeld

Konstantin Wecker politisiert im "Fraunhofer"


"Erst mästen wir irgendwelche Schurkenstaaten mit unseren Waffen, und wenn sie zu fett geworden sind, schlachten wir sie und verdienen erneut daran." Mit diesem Satz beginnt Liedermacher Konstantin Wecker seine Lesung. Er zitiert sich selbst, aus seinem neuen Buch "Tobe, zürne, misch, dich ein!".

Auch Wecker könnte seinen 56 Jahre alten Körper in einem Hochglanzmagazin abbilden lassen und sich über den Skandal freuen. Stattdessen ist Wecker im Januar dieses Jahres in den Irak geflogen. Doch statt Mut sagte man ihm Mediengeilheit nach. Und überhaupt: Erst mit Koks Vollgas geben und dann als moralischer Zeigefinger agieren - das kann man einem Klavierspieler wie ihm nicht durchgehen lassen. Da könnte ja jeder kommen, sich an den Auslandskorrespondenten vorbei ins Krisengebiet drängeln und gefühlige Weltpolitik machen.

Wecker ist klug. Er hält sich weder mit den Medien noch mit dem Irakkrieg lange auf. Stattdessen liest er aus seinen Tagebuchaufzeichnungen und unterfüttert sein Fühlen mit Zitaten von Krishnamurti, Benn, Rilke, Heiner Müller, Kierkegaard, Fried und Bonhoeffer. Immer geht es ihm um dasselbe: Warum verändert man die Welt nicht, wo man es doch besser weiß? Warum verschließt man seine Augen vor den eingeschliffenen Gewohnheiten des Bösen? Wo lässt sich das System - notfalls mit Liebe - aushebeln?

Wecker stellt sich vor, München würde bombardiert - egal ob mit oder ohne UN-Mandat. Er ist immer auf der Suche nach noch mehr Selbsterkenntnis. Er überrascht mit einer riesigen Portion Idealismus. Und obwohl das alles ja zur Zeit nicht unbedingt en vogue ist, wird einem bei ihm davon nicht übel. Zum Schluss bringt es Wecker auf den Punkt: "Bush ist seinen intelligenten Bomben nicht unähnlich. Beide sind nicht intelligent genug, über sich selber nachzudenken." Ein bisschen Bush steckt in jedem von uns - denn das hatte er schon vorher vorgelesen: "Die Militarisierung hat uns bis in die verschwiegensten Ecken unseres Denkens durchdrungen."