Nordlicht trifft bayrisches Energiebündel

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

03.07.2003

Quelle

Main-Rheiner

Autor / Interwiever

Alfred Balz

Der gemeinsame Auftritt von Hannes Wader und Konstantin Wecker beim Mainzer Zeltfestival


Neue Blickwinkel, die fortwährende Überprüfung des eigenen Standorts im Leben wie in Liedern, prägen die Texte des leisen Geschichtenerzählers Hannes Wader, der gegen den kraftvollen Konstantin Wecker jetzt beim gemeinsamen Auftritt beim Mainzer Zeltfestival nicht nur wegen der Akustik einen schweren Stand hatte. Unterkühltes Nordlicht gegen bayrisches Energiebündel - ganz trifft das allerdings nicht, schon deshalb, weil beide gern mal in die Rolle des Anderen schlüpfen und ihre Kompositionen sozusagen über kreuz präsentieren.

Unterstützt werden sie dabei durch den Klarinette, Flöte und Saxophon spielenden alten "Team Musikon"-Gefährten Norbert Nagel, der in Jazz und Klezmermusik ebenso zuhause ist wie in Weckers Liedern. Bester Musiker im Zelt war allerdings Jo Barnikel an E-Piano und Keyboard, dem Orff, Weill und Schönberg ebensowenig fremd sind wie Barrelhause Piano, Kneipenjazz, Blues oder Rock`n`Roll.

Doch auch wenn die Verzahnung der beiden Hauptakteure hin und wieder klemmte - es war ein grosser, bewegender Abend, der nur durch eine lange überflüssige Pause gelähmt wurde. Wecker sang seine schärfsten Lieder: "Im Namen des Wahnsinns" - seinen vor 20 Jahren entstandenen frühen Kommentar zur sozialen Kälte; seinen mit dem Skinhead-Mord an Antonio Amadeu und dem 11. September aktualisierten Klassiker "Willi", "Sage Nein" und den "Waffenhändler-Tango" mit einem witzigen Schlenker zum Kriminaltango Hazy Osterwalds.

Nie ging es, laut Wecker, in den Kriegen der Amerikaner um die Einführung von Demokratie. Allenfalls wurde ein verbrauchter Tyrann ausgetauscht. Im übrigen seien die USA nicht unbeteiligt an der Verschwörung gegen die Dritte Welt, die sich mit Gewalt nehmen, was der gesamten Menschheit gehören sollte, nämlich Reichtum und Rohstoffe.

Weniger plakativ geriet der Auftritt des etwas lampenfiebrigen Hannes Wader. Aber wie das weiche Wasser den Stein höhlt, kann auch ein leises Lied etwas bewirken. Unrecht gibt es schließlich "Schon so lang". Auch wenn Wecker seine Spässe treibt mit Waders Melancholie des Alters und ihn als "Experten für die genügende Härte" sogar zu einem Hiphop-Tänzchen überredet, zeigt sich der dann doch noch kämpferische Wader seinem Gesinnungsgenossen ebenbürtig.