Menschliche Vernunft als Hoffnung

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

04.07.2003

Quelle

Rhein-Zeitung

Autor / Interwiever

Jens Bednarek

Hannes Wader und Konstantin Wecker sprachen beim Zeltfest ihrem Publikum aus der Seele - Humor kam auch nicht zu kurz

Klare Worte beim Zeltfestival: Hannes Wader ekelt es an, dass Neonazis seine Lieder singen, und Konstantin Wecker prangert den dritten Weltkrieg an, den die Wohlstandsnationen gegen die Dritte Welt führen. Eingebettet waren diese Statements in ein begeisterndes Konzert.

MAINZ. Einer Sorge dürfte Hannes Wader am Ende dieser zweiten gemeinsamen Tournee mit Konstantin Wecker ledig sein. Es erfülle ihn mit Wut und Scham, so erzählte der 60-Jährige im fast bis auf den letzten Platz gefüllten Zelt im Volkspark, wenn Neonazis seine Lieder singen. Für den laut eigener Aussage erklärten Gegner "alter und neuer Nazis" stellt sich nun die Frage: "Habe ich meinen Abscheu nicht deutlich genug zum Ausdruck gebracht?" Doch, hat er.

Auch Wecker sang und redete sich Frust von der Seele. "Willy" geriet in einer schmerzhaft intensiven Version zum Vehikel für die politischen Urteile des 56-Jährigen. Immer wieder brandete Applaus durchs Zelt, wenn Wecker brandmarkte, dass US-Regierungsmitglieder, denen es bei jüngsten militärischen Interventionen nie um Frieden oder Demokratie gegangen sei, ihre Finger im Ölgeschäft haben oder die Bild-Zeitung den Sieg der Alliierten im Irakkrieg als "Erfolg" verkauft. "Dieser Sieg darf uns nicht vergessen lassen, dass der uns eigene Wohlstand zu einem dritten Weltkrieg gegen die Dritte Welt geführt hat."

Dabei brachten die beiden ihre Statements nie mit erhobenem Zeigefinger oder der Moralkeule, sondern stets in tiefer Überzeugung, dass die menschliche Vernunft noch nicht gänzlich Zynismus und Profitdenken gewichen ist. Wecker nannte die Antikriegsdemonstrationen des Frühjahrs als Hoffnung stiftendes Beispiel, und in der Resonanz auf Waders deutsche Fassung von "Will the Circle Be Unbroken" bewies das Publikum seine Einigkeit in dem Wunsch, "dass niemand mehr in unser´m Namen je wieder einen Krieg beginnt".

Für Humor war auch noch Platz - mal unfreiwillig, als Wecker seinem Mitstreiter den Text von dessen eigenem Song "Große Freiheit" einsagen musste, mal gewollt, wenn Wader trocken bemerkte, Griechenland sei das Land seiner Träume, er war aber noch nie dortund wolle auch nicht dorthin. Und zwar aus Angst vor der Enttäuschung, die Erwartung decke sich nicht mit dem Vorgefundenem.

Solche Ängste sind für Besucher eines Wecker/Wader-Konzertes unbegründet. Wie vor drei Jahren, als sie schon ein Mal gemeinsam im Volkspark aufspielten, boten die Routiniers eine musikalisch begeisternde Vorstellung. Unterstützung erhielten sie von zwei Männern, die oft auf Wecker-Platten mitgearbeitet haben: Jo Barnikel legte an den Keyboards soldide Rhythmus-Fundamente und bewies dann und wann, dass er sich hinter Wecker als Pianist nicht zu verstecken braucht. Norbert Nagel wiederum sorgte mit Saxofon- und Klarinetten-Spritzern für Farbtupfer und songdienliche Soli.

Die Setlist ließ kaum Wünsche offen: "Gut, euch zu sehen", "Im Namen des Wahnsinns", "Sage Nein!", "Es ist an der Zeit" - eine Live-LP dieses Auftrittes würde ihre Abnehmer finden. Besonders schön wurde es, wenn die beiden gemeinsam sangen und wunderbare Harmonien produzierten. Oder die Stücke des einen, die jeweils der andere brachte: Bei Waders Interpretation der Wecker-Zeilen "... und für die, die du einst bekämpft hast, machst du jetzt den Buckel krumm" fiel es schwer zu glauben, dass die beiden nicht schon seit Jahrzehnten gemeinsam musizieren.