Wenn der Hunger nicht verschwindet, wird die Gewalt nicht verschwinden!

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

15.07.2003

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The Link

Das Interview mit Konstantin Wecker wurde am 16.4.2003 - nach dem Konzert "Improvisationen" - in Amstetten geführt.

THE LINK: Sie sind einer der bekanntesten und erfolgreichsten Liedermacher Deutschlands, was möchten sie mit ihrer Musik bewegen?

Wecker: Ich hätte früher eigentlich immer geantwortet, dass ich zuerst einmal gar nichts erreichen will, sondern mich ausdrücken will. Ich habe versucht, das, was in mir vorgeht in Texte und in Musik zu fassen. Ich singe, weil ich ein Lied hab! Zur Zeit merke ich aber wieder, dass es auch um die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft geht, wenn es um so unglaublich drängende Fragen geht, wie jene die im Moment in der Luft sind. Ich war immer jemand, der der Meinung war, dass Künstlertum auch etwas mit bekennen zu tun hat. Das ist ein Wort, dass in den letzten 20 Jahren sehr uncool war. Dieses Bekennen, Stellung beziehen, ist jetzt notwendiger als jemals zuvor, weil wir in einer weltpolitischen Situation sind, die uns in den Abgrund führen kann. Das ist nicht annähernd so harmlos, wie sich das manche immer noch erhoffen. Es geht nicht darum, dass jetzt ein schneller kleiner Krieg geführt wird und dann ist plötzlich ein Volk befreit, nachdem man vorher ein paar hundert Tausend getötet hat.
Es geht um die Frage, ob die Zukunft von einer Weltmacht - mit all ihrem totalitären Anspruch - bestimmt wird, oder, ob es zu einem transnationalen Verbund oder eventuell zu einem demokratischen Weltparlament kommt. An dieser Kippe stehen wir jetzt.
Diese Frage ist unbedingt auch verbunden mit der Frage nach Krieg oder Frieden. Meiner Meinung nach hat Demokratie mit Krieg nichts zu tun. Ich kann nicht humanistische Ideen mit kriegerischen Mitteln in der Welt verbreiten wollen. Das ist ein Widerspruch in sich. Die Geschichte der Vereinigten Staaten zeigt, dass es nie darum ging demokratische Ideen zu verbreiten, sondern es ging darum eine wirtschaftliche Vorherrschaft in den Teilen der Erde zu haben, die sich leicht ausbeuten ließen.
In so einer dramatischen weltpolitischen Situation geht es nicht nur darum, ob ich Künstler bin oder nicht, sondern darum, welches Gewicht meine Stimme in der Öffentlichkeit hat und was ich als Mensch, als Vater, als ganz normaler Bürger tun will. Bin ich bereit mich zu engagieren, bin ich bereit den Ernst der Lage zu erkennen und bin ich bereit mein eigenes Leben zu ändern.

THE LINK: Sind Lieder mit politischem Inhalt in Zeiten von "Deutschland sucht den Superstar" oder "Starmania" überhaupt noch aktuell?

Wecker: Ich hoffe auf euch! Ich hoffe auf diese Generation nach der Postmoderne. In Berlin läuft zur Zeit ein Stück von Brecht mit vielen Eisler-Songs. Die haben den Eisler ein bisserl modernisiert aber den kämpferischen Eisler wieder ausgegraben. Das ist jeden Abend ausverkauft. Das ist für mich ein erstaunliches Zeichen.
Die Postmoderne war ja von dem Gedanken geprägt, dass Engagement ja fast etwas Verwerfliches ist. Die Verbalinjurie des GUTMENSCHEN wurde zur richtigen Zeit erfunden. Wenn sich niemand mehr zutraut eine Meinung zu haben zu der er steht, oder gar so etwas wie Gewissen zu empfinden, kann das Ganze nicht funktionieren.
Ich baue darauf, dass jetzt eine Jugend kommt die erkannt hat - wenn auch nur unbewusst - ,dass dieses ganze Konsumentensystem nicht dazu geeignet ist glückliche Menschen zu schaffen. Nur aus einer berechtigten Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens, müsste man endlich drauf kommen, dass es nicht funktioniert, wenn wir uns einer Ideologie unterordnen, die Verdrängen heißt, Spaß haben um jeden Preis und sich den Bedingungen des Marktes anzupassen.
Die etwas ältere Generation ist ja gnadenlos in eine Werbemaschinerie hineingefallen, in eine Gehirnwäsche der Großkonzerne ohne es zu hinterfragen. Als wir in den 70er Jahren im Kino die ersten Werbefilme hatten, gab es ein heftiges Buhen. Ein letztes sich Aufbäumen, glaub ich. Mittlerweile musst du eine halbe Stunde Werbung im Kino ertragen und musst dich auch noch freuen daran und sagen, das ist aber gut gemacht. Aber gut gemachte Scheiße bleibt dennoch Scheiße!
Was nutzt es mir, dass mir hervorragend klar gemacht wird, dass ich Markenkleidung zu tragen habe, um einigermaßen "In" zu sein im Endeffekt auf dem Rücken derer, die das in der 3. Welt herstellen.
Es geht ja nicht nur darum die Amerikaner anzugreifen. Auch wir in Europa - in Deutschland oder Österreich - haben in den letzten 50 Jahren unser System der Demokratie und des Wohlstands mit einem dritten Weltkrieg gegen die 3. Welt erkauft. Und dieser unglaubliche Terror, den wir ausüben, dieser Staatsterrorismus muss ganz einfach thematisiert werden, denn wenn der Hunger nicht verschwindet wird die Gewalt nicht verschwinden. Wir müssen uns vehement gegen den Neoliberalismus wehren, und dagegen wehren, dass die einzelnen Menschen in unserer Gesellschaft so handeln sollen wie Großkonzerne. Genauso rücksichtslos, erfolgsorientiert und markteffizient. Bei Großkonzernen wissen wir es, die entlassen Leute auf dem Papier, weil es keine Menschen sind sondern nur Zahlen. Wie bei den Militärs. Da gibt es auch nur Zahlen: 20 000 muss ich opfern, dafür werden eventuell 100 000 gerettet. Man selbst ist bei den 20 000 erstaunlicherweise nie dabei und die eigenen Kinder auch nie. Dieses abstrakte Denken, das nur irgendwo einem Sieg oder einem Gewinn dient, zeigt, dass unsere kapitalistische Gesellschaft eine kriegerische Gesellschaft ist.

THE LINK: Sie waren vor dem Krieg im Irak! Was waren die Hintergründe dieser Reise und wie waren die Reaktionen darauf!

Wecker: Ich bin zuerst einmal kräftig "abgewatscht" worden, das hat sich aber nach der Reise geändert. Ein ganz kleiner Tropfen genügt oft etwas aufzubrechen. Diese Reise hat bewirkt, dass die Leute sensibilisiert worden sind für die Probleme die unten bestehen. Über Saddam Hussein hat man viel erfahren, als die Amis beschlossen haben ihn zum Bösen zu erklären, aber über das grausame Embargo hat man vorher kaum etwas gewusst. Der Schritt einzelner Leute kann oft Vieles bewirken, es müssen nicht mal Berühmte sein. Wenn jemand sich entscheidet etwas zu tun und nicht nur zu reden, dann hat das oft eine sehr viel größere Wirkung als man denkt. An dieser fantastischen Bewegung die jetzt entstanden ist, hat man ja gesehen, dass das beinahe eine zweite Weltmacht ist. Die Bürgerbewegung und öffentliche Meinung ist eine 2. Weltmacht, die sich gegen die Weltmacht USA stellt. Das gibt Anlass zu großer Hoffnung, selbst wenn wir es bei diesem Krieg nicht schaffen sollten. Es muss weitergehen.
Die Reise hat auch einen möglichen Weg aufgezeigt, auf nicht gewaltsame Weise etwas zu bewirken. Wenn man will, dass Menschenrechte ernstgenommen werden, wäre die einzige Chance über Emanzipation und Annäherung etwas zu erreichen. Wir müssen den Gedanken des Humanismus auf friedliche Weise in die Welt tragen.
Wir dürfen die Menschen nicht ausschließen, wir dürfen sie nicht isolieren und schon gar nicht wirtschaftlich verelenden lassen, sondern wir müssen ihnen begegnen.

THE LINK: Wie sehen sie die heutige Friedensbewegung im Vergleich mit der Friedensbewegung von 1968 gegen den Vietnam-Krieg?

Wecker: Ein großer Unterschied: Die Bewegung gegen den Vietnamkrieg war eine reaktive Bewegung; die derzeitige Friedensbewegung ist eine gigantische Bewegung vor einem Krieg. Es gab ja noch eine 2. Friedensbewegung in den 80er Jahren - hauptsächlich in Deutschland zum Thema der Stationierung der Pershing 2 - Raketen , wo so große Geister wie Heinrich Böll dabei waren. Diese war emotional, es war eine andere Bewegung als heute. Heute sind die Menschen informiert. Über das Internet - das auch sehr viele Nachteile hat- kann man sehr viele Informationen ausbreiten. Ich hab das Gefühl, dass die Menschen die am 15. Februar 2003 in Berlin gegen den IRAK-Krieg auf der Straße waren genau wussten um was es geht. Wie Arundathi Roy (indische Schriftstellerin, Anm. der Redaktion) sagt "Die Geheime Geschichte Amerikas ist kein Geheimnis mehr!" Ein sehr schöner Satz. Die Kriegsführenden Parteien wissen sowieso, dass man ihnen nicht glaubt. Der ganze Tanz den sie mit der UNO aufführen, das marionettenartige erzählen, dass da doch noch Massenvernichtungswaffen sind, nimmt doch kein Mensch mehr ernst, das ist alles nur noch eine Farce. Das würde nicht mal in einem billigen Schmierentheater in der Provinz jemanden anlocken.
Das Einzige was sie uns voraushaben ist die ungeheure Waffengewalt. Aber ich denke schon, dass der Druck der Straße den Regierenden zu schaffen macht. Am deutlichsten merkt man das an Blair. Wie man so ferngesteuert sein kann als Sozialdemokrat bleibt sowieso sein Geheimnis, aber man sieht dass sich da manche schon Gedanken machen.

THE LINK: Sie haben sich bei ihrem Konzert in Amstetten als Alt-Linken oder Alt-Revolutionär bezeichnet. In Österreich gibt es den Begriff der "Toskana-Fraktion" für all jene Alt-Linken, die sich mittlerweile als bekannte Politiker mit dem System abgefunden und mit dem Kapitalismus arrangiert haben. Was sagen sie zu dieser Entwicklung?

Wecker: Ich wäre genau den gleichen Weg gelaufen, weil sich ein erfolgreicher Künstler nicht allzu sehr unterscheidet von einem erfolgreichen Politiker. Irgendwann verliert man den Boden. Man hat eine Gruppe von Menschen um sich, die besteht aus Einflüsterern, Schleimern und Nutznießern. Ein Politiker der an der Macht ist lässt sich jeden Morgen die Welt von Geheimdiensten erklären. Das halte ich für eine der größten Tragödien, denn Geheimdienste sind dazu da um Lügen und Desinformation zu verbreiten. Wenn ich mich jeden Morgen auf Geheimdienste verlassen müsste, um mir die Beschaffenheit der Welt erklären zu lassen, würde ich mir die Kugel geben. Auch in einer Demokratie ist der Geheimdienst immer eine undemokratische Institution. Er passt nicht zu einer Demokratie.
Man verliert eigentlich jeden Ansatzpunkt zu dem, warum man als Künstler einmal bekannt wurde, weil man so nahe bei den Menschen war, dass man das ausgedrückt hat, was die Menschen empfinden, dadurch, dass man es selbst so empfunden hat. Wenn ich nicht meinen notwendigen Zusammenbruch gehabt hätte, dann glaub ich nicht, dass ich heute das tun und denken würde, was ich tue und denke.
Ich bin wieder auf den Boden zurückgekommen und ich bin diesem Zusammenbruch unendlich dankbar. Das fängt bei ganz banalen Dingen an. Ich habe einen Haufen Schulden und kann mich gut in die Leute hineinversetzen, die bei mir im Publikum sitzen, die haben zum Großteil auch Schulden.
Ich habe erlebt, wie man von der Presse, nachdem man zuerst hochgejubelt wurde, brutal niedergemetzelt werden kann. Viele von den Leuten, die nur bei mir waren, weil ich eben erfolgreich war, sind wieder weg. Ich hab wieder normale Menschen um mich herum und ein paar von meinen alten Freunden bewahren können.
Deshalb hab ich wieder ganz frisch anfangen können zu denken. Und ich hab vor allem, was in meinem speziellen Fall wichtig ist, meinen klaren Verstand wieder bekommen, der doch etwas umnebelt war eine Zeit lang.

THE LINK: In ihrem Lied "Wenn die Börsianer tanzen!" nehmen sie die Aktienspekulanten ziemlich auf´s Korn. Glauben sie, dass mittels einer Tobin Tax wie es ATTAC fordert ein "humaner Kapitalismus" geschaffen werden kann?

Wecker: Ich glaube es nicht! Die Tobin-Tax wäre auf jeden Fall besser als das was im Moment der Fall ist. Ich glaube aber, dass der Kapitalismus keine Zukunft hat. Ich kann dir jetzt kein Gegenmodell entwickeln, ich bin nur der Meinung, dass man die Idee des Sozialismus nicht so verteufeln sollte, wie es in den letzten 20 Jahren passiert ist und dass der Sozialismus eine unendlich wichtige Pflanze ist. Es ist vom Grundsatz her immer noch die beste Idee für eine gerechtere Welt. Wir haben noch keine bessere Idee. Dass wir aufpassen müssen nicht in Fehler zu verfallen, die in den 70er Jahren schon waren, nämlich diese Idee wieder zu einer so starren Ideologie werden zu lassen, dass sie keine Antwort mehr sein kann auf den Kapitalismus, ist keine Frage, aber sie muss als Idee bewahrt werden. Es darf auch nicht so sein, dass alles was im Sozialismus passiert, ist, mittlerweile verteufelt wird. Es gab Dinge, die waren humaner im Sozialismus, es gab auch viel Unhumanes, aber es gibt auch im Kapitalismus wahnsinnig viel Unhumanes. Es hat keinen Sinn über den Sozialismus eine Käseglocke zu stülpen oder ihn in einen Sack zu tun und draufzuknüppeln und zu sagen das war alles mies.
In dem Moment, wo der Kapitalismus überall die Obermacht hatte, gingen auch die vielen klareren und gerechteren Hilfsmassnahmen, die in den sozialistischen Systemen waren, flöten. Ich hab noch nie für einen Leninismus oder Stalinismus plädiert , auch nicht in den 70er Jahren. Ich war früher immer dem Anarcho-Lager zuzuordnen und eigentlich war das mein Hauptansatzpunkt, weil ich auch glaube bis heute, dass der Künstler eigentlich Anarchist sein muss, das ist das Wesen der Kunst eigentlich immer gewesen. Aber ich möchte schon, dass wir diese kostbare Pflanze des Sozialismus hegen und pflegen. Ich maße mir aber nicht an, dass ich oder irgendjemand alleine in der Lage ist, dem Kapitalismus ein Modell entgegenzusetzen. Das müssen wir alle tun! Wir können auch nicht sagen: "Wir brauchen ein neues Modell" - Wir müssen im Kleinen daran arbeiten, dass wir vernetzt ein neues Modell schaffen. Lasst uns nicht den Fehler machen, zu glauben wir könnten jetzt Modelle entwickeln. Die Modelle müssen sich durch uns alle mit viel Phantasie und Kreativität ergeben. Darum ist die Aufgabe für uns alle im Moment, sich zusammenzusetzen, Themen zu nehmen und an diesen einzelnen Themen zu arbeiten. Daraus wird sich etwas entwickeln. Davon bin ich überzeugt. Anders geht es nicht!

THE LINK: Es tönt überall: "Der Sozialstaat ist nicht mehr leistbar!" Der deutsche Bundeskanzler Schröder schnürt ein Sparpaket....

Wecker: Unglaublich! Ich verstehe den Schröder nicht, ich kann ihn nicht verstehen, wieso er sich - wenn er sowieso in so einem Wahltief ist- nicht sagt "Jetzt leck mich am Arsch jetzt besinn ich mich darauf, dass ich Sozialdemokrat bin". Wieso er sich es so mit den Gewerkschaften verdirbt. In seiner Rede hat er die Unternehmer ein bisschen gerügt und die definitiven Kürzungen hat er bei den Arbeitnehmern angesetzt.
Die Aufhebung des Kündigungsschutzes ist so hirnverbrannt; wie wenn je ein mittelständischer Unternehmer wenn der Kündigungsschutz aufgehoben ist, stattdessen einen anderen einstellen würde. Er wird genau einen kündigen und keinen anderen einstellen. Das ist so ein "Westerwelle- Schwachsinn". Wieso schielt er nach einem Beifall von denen, die ihn sowieso nicht mögen. Kein Unternehmer will ihn doch im Ernst. Allen ist doch der Westerwelle oder die Merkel lieber. Die Chance der SPD könnte nur sein, sich wieder darauf zu besinnen, dass sie eine linke Partei ist. Da warten viele Leute drauf! Da sollen sie halt eine Wahl verlieren, aber dann wären sie eine tolle Opposition, mit der man sich identifizieren kann.

THE LINK: Sie glauben also, dass dieser 3. Weg - Schröder, Blair - gescheitert ist?

Wecker: Bei Blair hat man ja gesehen wo der 3. Weg hinführt und in welches wirtschaftliche Desaster. Der 3. Weg sollte ein europäischer sein, aber der ganze Abbau vom Sozialstaat kommt ja aus Amerika. Amerika ist das verschuldetste Land im Moment, es hat 40 Billionen Auslandsschulden. Wenn du mit Amerikanern sprichst, sagen die dir, "es wird permanent abgebaut". Das ist ja auch einer der wichtigen Gründe für Krieg immer gewesen. Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg. Das kann ja kein Vorbild sein. Es gibt immer noch Wahnsinnige, die sagen, wir müssen unseren Staat nach dem amerikanischen Modell umbauen. Da sind die Interessen einer ganz kleinen Gruppe von Reichen dahinter, und nichts sonst.

THE LINK: Gibt es im deutschen Parteienspektrum eine Partei, mit der sie sich identifizieren können!

Wecker: Nein, leider auch die PDS nicht mehr. Sie war für meine Bedürfnisse wählbar. Ich finde, dass der Oskar Lafontaine eine sehr gute Figur wieder macht. Es wird wahrscheinlich keinen Zusammenschluss mehr geben, - aber man muss warten. Meine Gespräche mit den Jusos zeigen, dass sie ziemlich angetan sind vom Oskar. Ich nehme ihm den Rücktritt auch nicht ganz so übel, warum soll er nicht zurücktreten, wenn er der Meinung ist, dass es keinen Sinn mehr hat, ich find das hoch anständig.

THE LINK: Im Lied "Sage Nein!" beschäftigen sie sich unter anderem mit dem Thema Rechtsradikalismus. Wie sehen sie hier die Entwicklung in Europa?

Wecker: Man muss in der Friedensbewegung auch furchtbar aufpassen, weil sich die Rechtsradikalen in diese Bewegung aus ihrem Anti-Amerika-Kurs heraus so einschleimen wollen. Sie haben das Prinzip sich ein bisschen intellektuell zu gebärden, um sich überall einzumischen. Die Abgrenzung gegen diese Bewegung muss eine ganz deutliche sein. Rechtsradikale, Faschisten sind ein Feind der Demokratie und haben in dieser Bewegung nichts zu suchen. Es darf keinen Schulterschluss geben. Die Rechtsradikalen können keine Freunde sein, denn ihnen geht es um ganz etwas anderes. Sie wollen eine Nation stärken und uns muss es darum gehen, die "Vaterländer" abzubauen, nämlich um eine transnationale Bewegung. Die Abgrenzung ist ein entscheidender Punkt.
Ich war auch zusammen mit den Leuten aus der israelischen Friedensbewegung die immer wieder deutlich gesagt haben, ihr solltet auch von uns Juden wissen, gegen Sharon (rechtskonservativer Premierminister Israels, Anm. der Redaktion) zu sein ist kein Antisemitismus.

THE LINK: Wir hatten vor Kurzem eine Begegnung mit einem rechtsradikalen Jugendlichen. Was würden sie so einem Jugendlichen sagen?

Wecker: Ich hab das gemacht. Mit alteingefleischten NAZIS kann man nicht mehr sprechen, mit Jugendlichen durchaus. Die sind ja oft aus völlig irrationalen Gründen in so einer Gruppe, weil sie mal ANTI sein wollen oder gegen ihren Vater rebellieren, der ihnen zu alternativ oder zu friedensbewegt ist.
Ich habe etwas gemacht, das sehr viel Unmut erzeugt hat. Mich hat ein Fernsehsender begleitet und ich habe ein Jugendzentrum mit Rechtsradikalen besucht und dann mit einem ein Gespräch geführt. Ich hab ihn gefragt: "Könntest du einen Schwarzen in den Arm nehmen?" Er hat mich angeschaut als ob ich vom Mond bin, er hat sich richtig geschüttelt, "Unmöglich!" sagte er. Und dann fragt mich einer von hinten: "Ja kannst du denn ihn in den Arm nehmen?" Ich hab ihm in die Augen geschaut, der Bub war 17 Jahre alt und hab ihn in den Arm genommen. Eine Woche später hat er mir einen Brief geschrieben und wollte mit mir als Roadie auf Tour gehen. Diese kleine Geste hat schon bewirkt, dass in dem Menschen etwas passiert ist. Wir müssen uns klar sein, dass bei den jugendlichen Rechtsradikalen, bei vielen - nicht bei allen - durchaus die Chance besteht durch Annäherung und nicht durch Hass und Streit, etwas zu bewirken, wenn man sie einzeln kriegt - in der Gruppe besteht nie eine Chance sich mit ihnen zusammenzusetzen.
Da geht´s nicht all zu sehr um politische Diskussionen, die sind ja nicht politisch fundiert, das ist ja klar - selbst wenn sie es wären, könnte man sie zerlegen, aber um das geht es nicht. Eigentlich sollte man versuchen mehr auf ihre familiären Hintergründe einzugehen, und ihnen den Zusammenhalt wo anders bieten. Ihnen auf eine liebevolle Weise zu begegnen, nämlich das was ihnen in der Kindheit gefehlt hat. Es hat ihnen Zärtlichkeit und Liebe gefehlt. Ich muss natürlich schon noch sagen, Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen, dennoch sollten junge Menschen, die vielleicht auf dem Weg dazu sind, nicht verloren gehen.

THE LINK: Danke für das Interview!