Dort leben keine 22 Millionen kleine Husseins

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

13.06.2003

Quelle

Rheinpfalz online

Autor / Interwiever

Christian Hanelt

Das Interview: "Dort leben keine 22 Millionen kleine Husseins" - Der Liedermacher Konstantin Wecker über seine Erfahrungen beim Konzert in Bagdad und über Lügner in der Politik

Konstantin Wecker und Hannes Wader, zwei Urgesteine unter den deutschen Liedermachern, gehen in diesen Tagen gemeinsam auf Tournee. Und sie füllen immer noch große Hallen, auch wenn ihre Botschaften nicht mehr den Widerhall finden, auf den sie in den 70er Jahren, als sie Teil der Friedensbewegung waren, stießen. Über seine Zusammenarbeit mit Wader, über seine Musik und sein politisches Engagement sprach Christian Hanelt mit Konstantin Wecker.

Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Hannes Wader gekommen?

Das war mein Betreiben. Ich hatte ihn einmal ins Cafe Giesing, das ich in München betrieben hatte, zu einem Konzert eingeladen. Dabei haben wir schon mal zusammen ein wenig gespielt und so entstand die Idee, eine Tour zusammen zu machen - das ist aber auch schon 15 Jahre her. Irgendwann hatte ich das Gefühl, es wäre an der Zeit, endlich die Chance zu nutzen, mit einem Freund zusammen auf Tour zu gehen.

Wie werden Sie die Konzerte gestalten?

Sie sind eine Fortsetzung unserer ersten Tournee und zweifellos werden wir einige Lieder, die wir damals gespielt haben, wieder spielen. Wir sind jetzt gerade an der Planung, was wir spielen werden, aber ich nehme an, dass die aktuelle weltpolitische Entwicklung keiner von uns außen vor lassen wird. Es sollen auf alle Fälle gemeinsame Konzerte sei. Hannes spielt bei mir Gitarre, ich spiele bei den meisten Stücken von ihm Klavier. Und wir werden gemeinsam singen.

Sind politische Lieder denn überhaupt noch gefragt, sind Liedermacher nicht eine aussterbende Gattung?

Es gibt ja so viele Sparten im Moment. HipHop führt sein eigenes Leben, Techno führt sein eigenes Leben und man meint immer wieder, das sei ausschließlich die Jugendkultur. Das ist aber nicht wahr, denn es gibt auch junge Liedermacher, die sich auch ganz bewusst so bezeichnen, die aber nur sehr wenig Chancen bekommen, öffentlich aufzutreten. Ich glaube aber, dass es ein Publikum für Liedermacher gibt. In schwierigen Zeiten ist das Bedürfnis nach Texten oder Inhalten, die mehr vermitteln als nur ein Wohlgefühl, die vielleicht auch wieder zum Denken anregen, doch recht stark. Das hat man am 15. Februar, als über zehn Millionen Menschen weltweit gegen den drohenden Irak-Krieg demonstriert haben, gemerkt.

Gibt es denn eine neue Friedensbewegung?

Ich nenne das eine neue demokratische Bewegung. Und je mehr wir merken, wie uns die Weltpolitik selbstherrlich die Themen aus der Hand nimmt, desto mehr wird Unmut bei den Menschen laut. Sie haben noch kurz vor dem Krieg in Bagdad gesungen. Die Kraft der Sprache hat da ja wohl kaum gewirkt.

War ihr Auftritt ein eher symbolischer Akt?

Die Menschen haben meine Musik verstanden, sie haben mein Temperament verstanden. Typisch für den ganzen Abend war, als mir jemand sagte, "ach war das schön, endlich mal keine Marschmusik". Da wurde die Lebendigkeit meiner Musik im Gegensatz zur ideologischen Kunst, wie sie in Bagdad Pflicht war, ganz deutlich. Ich glaube, die Leute haben die Botschaft verstanden. Da spielt natürlich die Musik eine ganz große Rolle.

Hatten Sie nicht die Befürchtung, dass Ihr Auftritt in Bagdad zu Propagandazwecken missbraucht wird?

Natürlich, aber zuerst einmal habe ich mein Recht als freier Mensch wahrgenommen, mich vor Ort zu informieren, und ich fand es geradezu lächerlich, mich immer darauf festnageln zu wollen, ob ich denn nun Hussein unterstützt hätte. Jeder, der mich das gefragt hat, weiß ganz genau, dass ein Mensch wie ich Hussein nicht unterstützt. Es war Teil der Propaganda, dass ich wenig Gelegenheit bekommen habe, darüber zu reden, warum ich überhaupt in den Irak gefahren bin, nämlich um dort Menschen zu begegnen, um klar zu stellen, dass dort 22 Millionen Menschen leben und nicht 22 Millionen kleine Husseins.

Sind Sie enttäuscht, dass die Friedensbewegung nach dem Krieg so schnell wieder zur Tagesordnung übergegangen ist?

Es ist ungeheuerlich. Irgendwann beschloss man, dass der Krieg vorbei ist und dieses Thema dann keinen Menschen mehr interessiert. Aber das Ungeheuerlichste für mich ist, dass trotz der offensichtlichen Lüge selbst unsere Politiker, die vorher gegen den Krieg waren, jetzt auf Schmusekurs gehen. Das ist für mich unverständlich. Dass Merkel und Pflüger natürlich ganz kleinlaut sind, kann ich ja noch verstehen, die haben ja mitgelogen. Man müsste doch jetzt die Gelegenheit beim Schopf packen und klar machen, dass es so nicht mehr geht, dass man nicht einfach lügen kann und dann noch die Chuzpe besitzt, die Lüge auch noch zuzugeben. Das ist wirklich neu in der Weltgeschichte.

Die Staatsanwaltschaft hat gegen Sie wegen Ihres Aufrufs an deutsche AWACS-Soldaten zur Fahnenflucht ermittelt. Läuft dieses Verfahren noch?

Ich denke, die werden das ruhen lassen. Es wäre allerdings für uns und die Friedensbewegung gar nicht schlecht, wenn es zu einem Prozess käme, denn dann könnte man das alles noch einmal aufrollen und es würde dann hoffentlich auch medial noch einmal aufbereitet. So könnte man einmal klären, ob das nun ein Angriffskrieg war oder nicht. Ich habe so viele Angebote von Anwälten bekommen, die mich verteidigen wollen, aber ich glaube nicht, dass das Gericht großes Interesse hat, das noch einmal aufzuwärmen.


Die Konzerte

Konstantin Wecker und Hannes Wader treten am 17. Juni in der Saarbrücker Saarlandhalle, am 18. Juni in Stuttgart auf der Freilichtbühne Killesberg, am 30. Juni beim Karlsruher Zeltfestival und am 1. Juli im Mainzer Festivalzelt im Volkspark auf.