Poesie und politischer Esprit

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

16.06.2003

Quelle

Neue Westfälische

Fast 2.000 Zuschauer feiern Konstantin Wecker und Ulla Meinecke beim ersten Corveyer Lieder-Open-Air


Höxter (cok). Vor so einer tollen Kulisse aufzutreten muss richtig Spaß machen. Konstantin Wecker, Ulla Meinecke und Hans-Eckhardt Wenzel, Top-Stars der deutschen Liedermacher-Szene, boten bei der ersten Open-Air-Liedernacht vor der imposanten Corveyer Westfront einen Konzertabend der absoluten Spitzenklasse.
Knapp 2.000 Besucher ließen sich entführen auf eine fünfstündige musikalische Reise voller Atmosphäre, Poesie und politischem Esprit.

Den Anfang machte der Ostberliner Liedermacher Hans-Eckhard Wenzel (47) mit seiner fünfköpfigen Begleitband . Wenzel, der bereits im letzten Jahr auf der Freilichtbühne Bökendorf brilliert hatte, präsentierte in Corvey neben eigenen Stücken bisher unveröffentlichte Woody-Guthrie-Songs.

Ein ewiger Geheimtipp

Hans-Eckhardt Wenzel ist, was seine Popularität betrifft, ein ewiger Geheimtipp. In Künstler- und Kritikerkreisen genießt er jedoch höchstes Ansehen. Das hat ihm auch dazu verholfen, dass ihm von den Erben des amerikanischen Songpoeten Woody Guthrie ("This Land is my land") ein Archiv mit 3.000 unveröffentlichten Kompositionen anvertraut wurde. "Die Lieder sind zwar 50 bis 60 Jahre alt, aber trotzdem ungeheuer neu", sagte Wenzel, der die Songs ins Deutsche übertragen hat und mit großer Sextett-Besetzung mit Klarinette und Saxofon auf die Corveyer Bühne brachte.

Meistens wird ein Konzert von Band zu Band lauter. Diesmal war es umgekehrt. Die Auftritte nahmen immer leisere Töne an. "Lieb ich dich zu leise, oder bin ich schon zu laut 96 dir oder mir, wem hast du nicht vertraut?". Lange Jahre war es still um Ulla Meinecke (50). 1983 hatte die in Usingen (Hessen) geborene Berlinerin mit dem Album "Wenn schon nicht für immer, dann wenigstens für ewig" und Hits wie "50 Tipps ihn zu verlassen" und "Schlendern ist Luxus" große Hits gelandet.

An diese Erfolge reicht heute nichts mehr heran, doch mit ihrem aktuellen im November erschienenen Album "Die Luft ist rein" hat sie wieder Anspruch auf den Titel als "Deutschlands beste Songschreiberin" (Handelsblatt) erhoben. Barfuß und ganz in schwarz gekleidet präsentierte sie ihre gefühlvollen Lieder in kleiner Quartett-Besetzung, begleitet von Klavier, Gitarre und Bass.

Unstrittiger Höhepunkt des Abends war der Auftritt von Konstantin Wecker. Zusammen mit dem Pianisten Jo Barnikel, mit dem Wecker schon seit über zehn Jahren zusammenarbeitet, und dem Saxofonisten Norbert Nagel, bewies sich der 56-jährige Münchner vor der schönen Corveyer Kulisse als größter Polit-Agitator deutscher Zunge.

"Seinen intelligenten Bomben nicht unähnlich"

Im letzten Jahr erst war Konstantin Wecker in der Beverunger Stadthalle zu Gast. Auch wenn sich einige Titel im Corvey-Programm wiederholten, waren es doch nicht dieselben Lieder. Bei Konstantin Wecker gibt es keine alten Stücke. Immer verändert er Textbestandteile, bringt sie auf den neuesten politischen Stand. Konstantin Wecker ließ in Corvey keinen Zweifel daran, dass er den amerikanischen Präsidenten für einen Idioten hält, "der seinen intelligenten Bomben nicht unähnlich ist". Drei Zugaben musste er geben, bevor ihn das restlos beeindruckte Publikum entließ.

Moderator des Konzertabends war der Paderborner Kabarettist Erwin Grosche, der in den Umbaupausen einen Vorgeschmack auf sein Best-of-Programm aus 25 Bühnenjahren gab, das am 9. August auf der Bökendorfer Freilichtbühne Premiere haben wird.

Die Veranstalter zeigten sich dem Open-Air-Debüt auf Corveyer Boden rundum zufrieden. "Wir haben einen Start von Null auf Hundert hingelegt", sagte Organisator Carsten Hormes (44) , Chef des Altenbekener Kulturbüros OWL. Zusammen mit Viktor Prinz von Ratibor und Corvey plant er bereits eine Neuauflage im nächsten Jahr. Prinz Viktor: "Dann könnten wir zum Beispiel den Graben abdecken, die Bühne weiter in die Mitte rücken, um noch mehr Platz für Zuschauer zu schaffen."