Bekenntnisse eines Politischen

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

16.06.2003

Quelle

Saarbrücker Zeitung

Das mahnende Gewissen der Nation: Am Dienstag spielen Konstantin Wecker und Hannes Wader in Saarbrücken

Wecker-Leuchten

Sich raushalten war nie sein Ding: Konstantin Wecker, der jetzt mit Hannes Wader in Saarbrücken konzertiert, hat sich immer eingemischt. Nachzulesen ist das auch in dem wunderbaren Band "Politisch nicht correct - Konstantin Wecker im Gespräch" (hrsg. von Günter Bauch, Doell-Verlag, 160 Seiten, 29,65 Euro).

Frage: Sie werden uns doch bestimmt ein "garstig politisch Lied" singen?

Wecker: Das tut der Hannes bestimmt, und ich auf jeden Fall! Denn ich befürchte, dass dieser angekündigte permanente Krieg jetzt erst beginnt. Dass die Friedensbewegung zur Zeit nicht so aktiv ist, heißt nicht, dass sie gestorben ist. Wir stehen vor einem Paradigmen-Wechsel: Die Geißel des Krieges muss abgeschafft werden! Sonst gehen wir zugrunde.

Frage: Welche Chancen hat die deutsche Friedensbewegung? Halten Sie die Bereitschaft zum Widerstand für ausreichend?

Wecker: Es ist ein vielversprechender Beginn. Ausreichend ist es natürlich nicht, denn wir werden wahrscheinlich noch vor härtere Aufgaben gestellt werden. Der Irak-Krieg war ein Anfang; da hat man sich, um einen Standard festzusetzen, das schwächste Land ausgesucht, um einen sicheren Sieg einzufahren. Jetzt geht´s weiter, mit Verweigerung, mit Zivilcourage, Blockaden, zivilem Ungehorsam. Aber das ist ja nicht nur eine Friedensbewegung, das ist eine Demokratie-Bewegung: Menschen auf der ganzen Welt sind sich klar geworden, dass dort, wo Demokratie drauf steht, nicht immer Demokratie drin ist.

Frage: Ihre letzte CD heißt "Vaterland". Was halten Sie von dem Begriff?

Wecker: In meinem Lied "Vaterland" ziehe ich einen Vergleich zwischen einem Vater und einem Land und komme zu dem Schluss, dass ein ganzes Volk als Vater immer schon eine Lüge war. Solange es Vaterländer gibt, wird es Kriege geben! Wir müssen uns zu einer transnationalen Weltsicht durchringen. Neben der neoliberalen Globalisierung des Marktes gibt´s noch eine Globalisierung der Menschen, der Ideen, der Demokraten. Aber wer seine eigene Identität aufgibt und der größeren eines Vaterlands unterordnet, der verliert das Menschsein.

Frage: Sind Sie der Ansicht, dass sich die Bundesregierung in punkto Irak-Krieg konsequent genug verhalten hat?

Wecker: Auf keinen Fall! Und gerade jetzt verstehe ich diese unsägliche Wieder- Anschleimerei an den amerikanischen Präsidenten nicht. Wolfowitz hat doch ganz deutlich gesagt, dass der Kriegsgrund eine Lüge war! Statt dass man jetzt versucht, Bush und seine Sekte, für mich ist das nichts anderes, darauf festzunageln, versucht man dadurch, dass man den Mund hält, diesen Krieg im Endeffekt doch noch zu rechtfertigen. Da könnte, da muss ein ganz anderer Wind wehen. Wir können doch nicht eine solche Lüge legitimieren. Dann werden weitere Kriege wieder mit Lügen begonnen werden.

Frage: Finden Sie es nicht beunruhigend, dass es wieder mal die alte Garde der Liedermacher war, die jetzt zum Protest blies? Wader, Wecker, Mey - wo steckt denn der Nachwuchs?

Wecker: Uns wurde ja manchmal sogar zum Vorwurf gemacht, dass wir Alten den Mund aufgemacht haben, von wegen "Lasst mal die Jungen ´ran!" Aber wenn keine Jungen da sind? Im HipHop gibt´s ein paar Bewegungen; ich hab´ übrigens auch viele Zusendungen von jungen Liedermachern erhalten, die sich als solche auch bezeichnen, was ich sehr schön finde, wenn so ein 20-Jähriger den verstaubten Begriff für sich verwendet. Aber die Industrie gibt ihnen kaum Möglichkeiten, und die Medien interessieren sich erst, wenn einer schon ein größeres Publikum hat. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir 20 Jahre einer sich selbst feiernden Postmoderne hinter uns haben: Die Postmoderne ist am Aussterben. Es war ja durchaus sinnvoll, die Wahrheit der Dogmen zu relativieren. Aber wenn das, wie geschehen, in Hybris endet, wenn man sich über alles lustig macht, es überhaupt keine Werte und keine Wahrheiten mehr gibt, dann kann das auch nicht der richtige Weg sein. Heißt "mit der Zeit gehen" denn alle früheren Prinzipien aufzugeben? Aber die großen Demonstrationen jetzt waren ja getragen von der jungen Generation, auf die setze ich schon eine ganz große Hoffnung.

Frage: Sie wurden wegen Ihrer Irak-Reise im Januar mit Häme übergossen.

Wecker: Der Trick der Medien bestand darin, mir bei Interviews jede Möglichkeit zu nehmen, das wirklich Erzählenswerte zu erzählen: Wie es den Irakern angesichts des Wirtschafts-Embargos geht. Stattdessen musste ich ständig über Saddam Hussein reden, um 22 Millionen Iraker zu "husseinisieren". Ich bin dorthin gefahren, um klar zu stellen, dass es dort 22 Millionen Menschen gibt und ein schreckliches Regime! Aber wenn die Menschen erst mal verteufelt sind, ist es natürlich sehr viel leichter, sie mit Bomben zuzuschütten. Es ist schon erstaunlich, wieviel Gegenwind ich bekommen habe, weil jeder Journalist, der sich über mich ausgelassen hat, es doch wohl als eine Frechheit empfände, wenn man ihm sagte, er dürfe nicht in dieses Land fahren, um sich vor Ort zu informieren. Aber dass sich bestimmte Kreise über meine Reise aufgeregt haben, zeigt doch nur, dass sie Angst hatten, dass es Wirkung haben könnte! Und ich hab´ ja auch viele positive Rückmeldungen bekommen.

Konzert: 17. Juni, 20 Uhr, in der Saarbrücker Saarlandhalle. Karten: (0681) 5025522.