Alle zusammen, jeder für sich

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

20.06.2003

Quelle

Stuttgarter Nachrichten

Autor / Interwiever

Anja Wasserbäch

Der Bayer und der Ostwestfale: Konstantin Wecker und Hannes Wader gastierten in Stuttgart

"Lass uns, Freunde, an diesem Tag vergessen, was uns trennt", singen sie zum Schluss gemeinsam und halten sich umarmt. Ja, am Ende könnte man beinahe vergessen, was Konstantin Wecker und Hannes Wader unterscheidet.

VON ANJA WASSERBÄCH

Die beiden Liedermacher haben sich bereits zum zweiten Mal zur Konzertreise zusammengetan und stapeln mit dem Untertitel "Was für eine Nacht . . .!" nicht gerade tief. Wer nun aber glaubte, zwei gute Kumpels beim Musizieren auf der Killesberger Freilichtbühne zu erleben, wurde überrascht.

"Es freut mich, äh uns, dass ihr so zahlreich gekommen seid." Wecker muss sich noch gewöhnen an die "Wir-AG". Zwei Einzelgänger ziehen an einem Strang, dazwischen bleibt aber noch genügend Spielraum für Alleingänge.

Denn das Gespann Wader/Wecker kann auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein. Da ist der kühle, melancholisch wirkende Ostwestfale, der leise an seiner Gitarre zupft, dort der bayerische, braun gebrannte Lebemann am schwarz lackierten Flügel. Poetisch, politisch, provokant sind sie beide. Doch wo Hannes Wader mit einer Stimme der Marke Märchenerzähler feinfühlig ironisch ist, kommt Konstantin Wecker um einiges zynischer und rauer rüber. Wo Wader wehmütig wirkt, ist Wecker abgeklärt.

Beide Berufsmusiker haben einen langen Weg hinter sich, mit dem sie auch offen umgehen können. Sie singen locker-flockig übers Älterwerden, die erste Liebe, den Hamburger Kiez, aber vor allem ganz ernst über Poltisches. Wecker erzählt im "Waffenhändler-Tango", wie "Schröder mit Bush schmust", berichtet vom "humanitären Overkill" und konterkariert den Text des Anti-Kriegs-Liedes mit swingender Melodie. "Anti" ist das Stichwort des Abends: So sind die Barden gegen den Irak-Krieg, gegen Globalisierung, gegen George W. Bush, gegen Nazis und für eine bessere Welt. Dafür werden in der Pause des fast drei Stunden langen Konzertes vor rund 2000 Gästen holzkugelige Friedensketten in Regenbogenfarben verkauft.

Und Wecker verpasst seinem bekannten "Willy", dem 1977 entstandenen Lied gegen Ausländerfeindlichkeit, ein topaktuelles Update mit 11. September, Irakkrieg und Kongo-Problematik. Da gab es Standing Ovations - auch für die musikalische Unterstützung vom Pianisten Jo Barnikel und von Norbert Nagel an den Blasinstrumenten. Trotz aller Ernsthaftigkeit scheuen Wecker und Wader auch nicht davor zurück, "sich bei der Jugend HipHop-mäßig einzuschleimen" (Wader) und machen aus "Ihnen fehlt der Experte" eine Rap-Version mit Tanzeinlagen. Tatsächlich: Die beiden können alles. Außer Hochdeutsch.