Das Doppel-W als Wir-AG

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

21.06.2003

Quelle

Südwest aktuell

Autor / Interwiever

Erwin Ruschitzka

ULMER ZELT / Hannes Wader und Konstantin Wecker

Begeistertes Publikum erklatscht ein halbes Dutzend Zugaben


Einen Saal allein füllen, das wäre für keinen von beiden ein Problem. Doch Hannes Wader und Konstantin Wecker tun es seit drei Jahren gemeinsam. Das wie die Sänger in die Jahre gekommene Publikum erklatschte im ausverkauften Ulmer Zelt ein halbes Dutzend Zugaben.

EDWIN RUSCHITZKA

Im Alter hat man es gern gemütlicher. Warum allein auf Tournee gehen, wenn es auch zu zweit geht. Sich gegenseitig stützen. Oder: Weg von der Ich-AG, hin zur Wir-AG. Das mögen sich Hannes Wader (61) und Konstantin Wecker (56) vor drei Jahren vielleicht gedacht haben. Aus einer im Jahr 2000 vereinbarten Sommertournee sind inzwischen schon deren drei geworden. Am Donnerstag gab das Doppel-W im Ulmer Zelt ein beeindruckendes Gastspiel.

Angegraut sind alle, die beiden Sänger, die anfangs mit ihrem Alter kokettieren, aber auch das Publikum, hauptsächlich jenseits der 40, wenn nicht sogar der 50. Die kurzen, grauen Stoppelhaare von Wecker und die nach hinten gekämmte längere, fast schon weiße Frisur von Wader finden sich auch mehrfach im ausverkauften Zelt wieder. Und da steht es nun, das Publikum, oder sitzt und schwelgt in alten Zeiten? Sicher auch, aber nicht nur, denn Wecker wie Wader stellen zu Liedern, die 25 und mehr Jahre auf dem Buckel haben, immer wieder top-aktuelle Bezüge her.

Das gelingt gerade Wecker mit dem "Waffenhändler-Tango", aber auch mit seinem "Willy". Ihm erzählt er wieder seinen ganzen Weltschmerz: dass die Amerikaner seit jenem 11. September, für den "wahnsinnige Verbrecher" verantwortlich waren, die Welt in Gut und Böse eingeteilt haben und im Namen der Demokratie einen "dritten Weltkrieg gegen die dritte Welt" führen. "Ja, Willy", singt Wecker, "wird nicht dort am lautesten nach Menschenrechten gerufen, wo eine Ölquelle in der Nähe ist?" Wecker, wortgewaltig und emotional, steigert sich hinein in seine Wut gegen "diese verlogene Politik". Und das Lied gerät zur politischen Rede gegen Krieg und Globalisierung.

Hirn und Herz

Im Vergleich zu dem bayerischen Energiebündel, zu dieser musikalischer Urgewalt wirkt der 61-jährige Ostwestfale Wader mit seiner Gitarre sehr viel ruhiger, fast wie ein leiser Straßenmusikant. Er tut das, was er immer getan hat: Er singt Lieder, deren Melodien einem bekannt vorkommen, die Hirn und Herz gleichermaßen erreichen.

Man hört ihm deshalb zu, man lässt sich treiben bei diesen melancholischen Texten von Frühling und Sommer und schmunzelt still in sich hinein, wenn er mit einer gehörigen Portion Selbstironie seine erste, große Liebe schildert. Aber Wader, immerhin 14 Jahre Mitglied der DKP, ist natürlich auch politisch motiviert. Eines lässt seine Zornesader schwellen: dass junge Nazis inzwischen die Refrains seiner Lieder grölen.

So unterschiedlich das Duo ist, gemeinsam erobert es das Zelt-Publikum, wozu auch die Begleitmusiker Jo Barnikel (Keyboard) und Norbert Nagel (Saxophon, Klarinette, Flöte) beitragen. Über drei Stunden singen und musizieren sie und lassen sich bis weit nach 23 Uhr gut ein halbes Dutzend Zugaben entlocken. "Was für eine Nacht" - unter dieser etwas vollmundigen Überschrift steht die Tournee. Wader und Wecker haben nicht einmal übertrieben.