Pro & Contra: Bagdad gefallen Hatte Bush doch Recht?

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

11.04.2003

Quelle

Leipziger Volkszeitung

Autor / Interwiever

Christian Schmidt

Christian Schmidt (Verteidigunspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion): "Iraker haben die Chance auf eine bessere Zukunft"
Im Irak ist gerade ein Regime entmachtet worden, das seit über 20 Jahren seine Bevölkerung unterdrückt und sein Umfeld bedroht hat. Saddam Hussein hat die Regeln der Weltgemeinschaft ebenso missachtet wie die Rechte der Menschen in seinem Land. Ich bin überzeugt, dass der Diktator Massenvernichtungswaffen hatte, die irgendwo im Irak versteckt oder vielleicht auch außer Landes geschaffen worden sind. Zwei Mal hat er Massenvernichtungswaffen eingesetzt, gegen die Menschen im Iran und gegen die Kurden in seinem eigenen Land. Zu Recht haben die Vereinten Nationen ihn als Gefahr für den Weltfrieden eingestuft. Deshalb steht für mich fest, dass es im Ergebnis richtig war, Saddam Hussein zu entwaffnen. Für die Menschen in seinem Land und in seiner Umgebung ist damit eine große Gefahrenquelle ausgeschaltet worden. Das zeigen auch die Bilder, die wir jetzt in den befreiten Städten sehen: Die Menschen jubeln. Ob dieser Jubel wirklich bei jedem einzelnen von Herzen kommt oder ob der eine oder andere einfach den Siegern gefallen will das kann niemand wirklich beurteilen. Aber wir können sehen, dass die amerikanischen und britischen Soldaten von der Mehrheit der Bevölkerung nicht als Bedrohung empfunden werden, sondern dass die Menschen sie freundlich begrüßen und ihre Hilfe annehmen und das nicht nur, wenn es um den Sturz einer Saddam-Statue geht. Mit Sicherheit muss im Nachgang des Krieges noch einiges aufgearbeitet werden. Aber im Vordergrund müssen jetzt die Menschen im Irak stehen. Viele haben durch den Krieg gelitten, sind verletzt worden, haben Angehörige oder ihr Hab und Gut verloren. Aber die große Mehrheit hat jetzt die Chance auf eine bessere Zukunft. Nur eines muss weiter klar sein: Krieg kann und darf nie ein normales Mittel der Politik sein. Das muss jedem klar sein, der die Bilder aus dem Irak in den vergangenen Tagen gesehen hat. Der glimpfliche Ausgang des Irak-Kriegs darf deshalb nicht dazu führen, dass die USA glauben, auch andere Krisen militärisch lösen zu dürfen. Mit dem Irak hatten wir einen Staat, der seit Jahren mit den Vereinten Nationen Katz und Maus gespielt hat. Seit dem Ende des Golfkrieges im Jahr 1991 war der Irak in der Pflicht, mit den Vereinten Nationen zusammenzuarbeiten und hat sich beharrlich geweigert. Auf der Grundlage dieser Tatsache und mit Rücksicht auf die traumatische Erfahrung, die Amerika am 11. September 2001 gemacht hat, haben wir versucht, das Verhalten der Amerikaner nachzuvollziehen. Wenn aber absehbar werden sollte, dass die USA auch Waffengänge gegen Syrien und den Iran vorbereiten, dann sieht die Sache anders aus. Eine solche Entscheidung der USA wäre für mich nicht akzeptabel. Insgesamt stimmt es mich nachdenklich, dass die Opfer der langen Gewaltherrschaft Saddam Husseins, die in die Hunderttausende gehen, öffentlich kaum interessiert haben und dass jetzt, wo unsere amerikanischen Freunde nach 17 UN-Resolutionen tätig geworden sind, alle Welt diejenigen verdammt, die sich der Gefahren, die von diesem Land ausgehen, angenommen haben.

Konstantin Wecker (Liedermacher): "Dieser Sieg ist der Auftakt für weitere Kriege"
Ein Sieg legitimiert keinen Krieg. Kommentatoren lassen sich sogar dazu hinreißen, den Krieg als einen Erfolg zu feiern. Ich halte es für obszön, die Worte Krieg und Erfolg in einem Atemzug zu nennen. Kriege sind immer ein Misserfolg und ein Scheitern von dem, was uns als Menschen aus macht.
Unabhängig davon, dass ich auch hier, wie bereits im Krieg gegen Afghanistan, den Bildern misstraue, ist es kein Wunder und es erfüllt auch mich mit Freude, dass die Menschen jubeln, wenn keine Bomben mehr auf Bagdad fallen und sie den verhassten Diktator endlich stürzen sehen, den ja die USA und andere westliche Staaten erst groß gemacht haben. Aber jubeln auch die, deren Kinder durch Bomben verstümmelt wurden? Es wird sich zeigen, ob dieser Jubel den Streitkräften gilt oder nicht einfach dem Ende dieses erbarmungslosen Angriffskrieges.
Mit diesem Sieg soll wieder einmal die Lüge legitimiert werden, es ginge um "Freiheit und Demokratie". Noch nie ging es den US-Regierungen in den Kriegen der letzten fünf Jahrzehnte um Demokratie. In vielen Teilen der Welt haben Agenten der US-Regierung vom Volk gewählte Politiker abgesetzt und durch Marionetten ersetzt, die bereit sind, ihr eigenes Volk an nordamerikanische Multis zu verkaufen. Und nun scheint die westliche Welt gerüstet für weiteres Morden.
Sind die Bilder der getöteten und verstümmelten Kinder vergessen? Wurden sie unter der hollywoodmäßigen Inszenierung des Statuen-Sturzes begraben? Wer gibt in unseren Medien jetzt denen ein Forum, die den Besatzern "Ami-go-home"-Schilder entgegenhalten? Wer spricht jetzt noch von den Gebäuden, die nur deshalb dem Erdboden gleichgemacht werden, weil beim Wiederaufbau Geld verdient werden soll? Wie schützen sich jetzt die Länder, die als nächstes zu "Freiheit und Demokratie" gebombt werden sollen? Wird sie nicht das Beispiel von Nordkorea und Pakistan ermutigen, sich so schnell wie möglich mit Atombomben einzudecken?
Dieser Sieg darf uns nicht all die heimtückischen Motive der Waffenund Öllobby vergessen lassen, die unter dem Deckmantel der Befreiung ihre Kriege rechtfertigen. Dieser Sieg darf uns nicht vergessen lassen, dass wir für unseren Wohlstand schon lange einen 3. Weltkrieg gegen die Länder im Süden führen. Und, dass es Frieden erst geben wird, wenn wir lernen, gerechter zu teilen.
Dieser Sieg darf uns nicht vergessen lassen, dass die Kriege der letzten Jahrzehnte fast ausschließlich Kriege von Weißen gegen Menschen der Dritten Welt waren. Und dass man erst den eigenen Fundamentalismus und Rassismus in den Griff bekommen sollte, bevor man sich daran macht, andere davon zu befreien.
So sehr ich mich darüber freue, wenn der Bombenhagel endlich aufhören wird, fürchte ich, dass dieser Sieg der Auftakt für weitere Kriege und einen gigantischen Rüstungswettlauf auch zwischen USA und Europa sein wird. Deshalb muss die Friedensbewegung jetzt weitermachen. Frieden wird es erst geben, wenn der Krieg besiegt sein wird.