Ovationen für Politik und Poesie

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

13.04.2003

Quelle

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Autor / Interwiever

Rita Jäger

Konstantin Wecker saß allein an seinem Flügel auf der Bühne des Forum und begeisterte mit Authentizität und politischen Bekenntnisse.Wuppertal. "Ich singe, weil ich ein Lied hab` und nicht, weil es Euch gefällt." Eine Zeile aus dem Stück, mit dem Konstantin Wecker am Donnerstag im Forum sein Konzert eröffnete. Eine Zeile, geschrieben in den späten Siebzigern, die für ihn noch immer Gültigkeit hat und auch für sein Publikum, das ihn im ausverkauften großen Saal mit frenetischen Applaus empfing. Mit einer nach eigenen Angaben leichten Bronchitis war der Liedermacher allein mit seinem Flügel auf der Bühne. Weder die Bronchitis war zu spüren noch wurde die Begleitung vermisst im Gegenteil, die hätte wohl nur gestört. Mit seiner erstaunlich großen Bühnenpräsenz beherrschte der 56-Jährige den Saal. Gleichzeitig vermittelte der kritische Bayer eine Authentizität, die man bei den so genannten politischen Liedermachern der späten 68er Generation heute nur noch selten spürt. Aber Wecker nimmt man sie ab, zumal er sich nicht auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruht, sondern den Sprung in die Aktualität nie gescheut hat. Auch dann nicht, als er, wie er erklärt, für Jahre vergessen hatte, dass Musik ein Gegengewicht sein kann zu Krieg, Gewalt und Gier. "Es ist schwer, in diesen Zeiten, in der die Beschäftigung mit Politik die Poesie vertreibt, poetisch zu sein", sagt er nach dem Konzert. "Aber ich war durch den Druck der Ereignisse seit dem 11. September 2001 und dem Krieg in Afghanistan gezwungen, beispielsweise das Stück "Willy" fast täglich zu aktualisieren. Das ist es, was mich am Ball hält und zwingt, mich in poetischer Weise politisch zu artikulieren." Und er artikuliert sich laut: Als er auf der Bühne in die fiktive Kommunikation mit Willy tritt, der bereits vor 30 Jahren von Neo-Nazis erschlagen wurde, schreit er sein Bekenntnis gegen Bush und dessen Krieg im Irak hinaus: "Dieser Krieg wird der Anfang vieler Kriege sein, und deswegen wird es schwer. Aber wir müssen weitermachen und uns für eine friedliche Welt einsetzen." Und Willy antwortet wie seit Jahrzehnten: "Freiheit eh, verstehst, du sollst koa Angst habn, vor nix und niemand." Mit spontanen, stehenden Ovationen reagierten seine Zuhörer auf diese politische Demonstration. Aber da war auch noch Weckers poetische Seite, denn schließlich gibt es ja auch noch die ganz persönlichen Probleme. Liebeslieder, eine kleine, amüsante, musikalische Retrospektive und eine fast 15-minütige Lesung aus seinen Gedichten rundeten den Abend ab. Nach zweieinhalb Stunden und mehreren Zugaben verabschiedete sich Konstantin Wecker von dem begeisterten Publikum mit den Worten: "Wagt zu denken." Von Rita Jäger