Lieder können verändern!

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

16.04.2003

Quelle

Folker

Autor / Interwiever

Carina Prange

Konstantin Wecker

Eine Bilanz über sich und das politische Leben in Deutschland

Konstantin Wecker hat immer zu denen gehört, die den Mund aufmachen, die nicht schweigen wollen, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht. Nach langen Jahren auf der Bühne als der Macho unter den Polit-Sängern - politisch stets kritisch, aber gleichzeitig nach außen mit dem Lebensstil eines Rock-Stars zwischen Rotlichtmilieu und Boheme - kam der Absturz. Und Wecker stürzte tief - mitten hinein in die Höllen der Kokainsucht. So tief, dass der Knast unmittelbar bevorstand und ein Ausweg nicht in Sicht schien. Doch dann hat sich der Mensch Wecker wieder aufgerappelt, seine Seele mit Hilfe einer neuen Selbstfindung, dem Abschied von alten Gewohnheiten und Geschichten ins Jetzt und Heute hinübergerettet. Jede Krise, pflegt er zu betonen, stellt auch eine Chance dar. Konstantin Wecker hat die seinige genutzt und ist seitdem stärker als je zuvor.

Von Carina Prange

Der neue, der geläuterte Konstantin Wecker von heute steht nach wie vor - oder vielmehr, wieder - für eine klare Auseinandersetzung mit dem politischen Leben in Deutschland und der Welt. Allem voran jedoch geht das Ende der persönlichen Selbstzersplitterung, kommt das Eins-Sein mit sich selbst. Wecker, der Musical-Schreiber, Wecker, der Irak-Reisende im Auftrag des Friedens, Wecker, der kritische Liedermacher und Wecker, der Familienvater - keine verschiedenen Rollen, sondern Aspekte einer nunmehr in sich geschlossenen Persönlichkeit. Wecker, der Unverwechselbare, meist nur mit dem Nachnamen zitierte oder in der Heimat Bayern liebevoll als "der Konstantin" bezeichnete, ist auch aus der jetzigen politischen Liedermacher- und Songwriterszene nicht wegzudenken. Seine Stimme, bereits der versunkenen Sturm- und Drangzeit des deutschen Liedermachertums zugerechnet, wird noch und wieder gehört. Wecker ist inzwischen in dem Alter und in der Position, als Vorbild für eine Generation junger Songschreiber zu dienen. Solche Songschreiber, die in der Plattenindustrie keine Lobby besitzen und nach deren Texten sich die junge Generation doch sehnt: viel zu übersättigt ist sie vom Pop-Kommerz ohne Gefühl ...
Nimmermüde haben Konstantin Wecker und seine Frau Annik inzwischen den Versuch gestartet, ein alternatives politisches Informationsforum zu schaffen. Jenseits der eingefahrenen Medienlandschaft existiert jetzt auf Weckers Homepage ein Link auf eine Website, die sich mit dem beschäftigt, was abseits des in den Zeitungen und anderen Medien wiedergegebenen Informationsstroms vor sich geht. Passender Name: hinter-den-schlagzeilen. Im Folker!-Gespräch erzählt "der Wecker", was den Ausschlag gab, dass er nach seiner Lebenskrise wieder Musik mit politisch ambitionierten Aussagen auf der Bühne macht:

Antwort: Ich bin wieder klar im Kopf und diese Klarheit hat mich geradezu gezwungen, mich intensiver als die Jahre vorher, die doch etwas nebulös waren, mit den Zeitumständen zu beschäftigen. Und nicht nur mit mir selbst. Ich bin einen zweigleisigen Weg gegangen: Ich habe sehr viel innere Arbeit leisten müssen, weil man das natürlich tun muss in der Bewältigung einer Sucht und in jeder Bewältigung einer Krise. Und ich habe gleichzeitig versucht, meinen Intellekt wieder zu schulen. Das war möglich, da ich das große Glück gehabt hatte, dass mir durch diese Unmengen von Drogen, Gott sei Dank, der Verstand nicht flöten gegangen ist.
Wir brauchen sowohl in der Politik eine neue Spiritualität - und ich verwende ganz bewusst dieses Wort, das durch die Esoterik leider sehr diskreditiert wurde. Es gibt zur Zeit eine sehr spannende Bewegung, ausgehend von so großen Geistern wie Ken Wilber. Aber auch die Buddhisten diskutieren momentan, ob es denn noch einen Sinn macht, sich ins Kloster zurückziehen, wie Buddha damals gelehrt hat. Oder ob es nicht notwendig ist, dass gerade Menschen, die innerlich sehr reich sind, nach außen gehen, sich engagieren und sich mit einmischen.
Es wird so viel geschmiert und gelogen und aus lauter Gier werden wir so beschissen. Wenn sich das soziale Leben hauptsächlich nur noch in der Einkaufszone abspielt oder allein vor dem Fernseher und mit einer Flasche Wodka, dann ist doch irgendetwas faul an dieser Gesellschaft. Wir sind soweit, dass wir sinnlose Dinge konsumieren, in dem Wahn, wir könnten dadurch glücklicher werden - und in Wirklichkeit immer nur ein System befriedigen, dass immer neue Bedürfnisse schaffen muss, weil es sonst kollabieren würde.
Es gilt, das zu wissen, aufzudecken, sich zu vernetzen. Ich sage bewusst: keine neuen Parteien gründen, das hat, glaube ich, alles keinen Sinn. Wenn sich starke Individuen zusammentun, dann können sie sich nicht im Regulativ einer Partei zusammenfinden. Diese starken Individuen hat es immer schon gegeben, die gibt es auch weiter, die sollen sich finden, das ist unsere Chance!

Frage: Stichwort "Lebenskrise" - du hast dich nach einer heftigen Drogensucht wieder aufgerappelt, hast zu dir gefunden und zurück zu deinen eigenen Songs. Was können Menschen aus einer Krise lernen? Was hast du daraus gelernt - ist es möglich, nicht nur viel stärker aus einer Krise hervorzugehen, sondern auch mit einer viel offeneren Sicht der Welt/Umwelt und seiner selbst?

Antwort: Ich glaube, Krisen sind überhaupt geschaffen dafür, dass man aus ihnen lernt. Die Krise ist notwendig, damit wir ein Stück mehr von uns selbst kennen lernen. Ich persönlich bin mindestens vier oder fünfmal vom Schicksal auf das gleiche Thema gestoßen worden - ich habe es nicht kapiert. Ich glaube, wenn ich´s diesmal nicht kapiert hätte, wäre Schluss gewesen. Weil sich das Schicksal irgendwann sagt (lacht), gut, er will nicht, also lassen wir´s bleiben.
Ich verstehe mich - mittlerweile - sehr viel besser mit Menschen, die auch schon mal eine Krise, eine große Krise, durchgemacht haben. Wir haben einen anderen Blick auf die Welt.
Ich möchte nicht alles schönreden, was ich getan habe - überhaupt nicht. Ich ärgere mich über vieles, aber die Krise hat mich wenigstens wieder zu mir geführt. Ich war nicht mehr bei mir. Ich bin ganz klassisch dem Trauma dieser Gesellschaft erlegen, hatte keine Identität mehr. Die hat man nicht, wenn man Drogen nimmt! Im Endeffekt läuft jeder, der Drogen konsumiert - und da meine ich ganz bewusst auch Nikotin und Alkohol - diese Gefahr.
Was heißt das, "identisch" mit sich zu sein? Es heißt, sich ohne Umwege anzunehmen. Ohne sich dauernd nach außen präsentieren zu wollen, was uns am allerschwersten fällt. Das musste ich wieder lernen, und es ist interessant. Ich habe früher so viel gegen die Gesellschaft angeschrieben und angesungen. Das war nicht gelogen, war ehrlich. Trotzdem bin ich ihr auf den Leim gegangen, all den Idealen eines Spätkapitalismus. Und das, während ich noch sozialistische Ideen im Kopf hatte. Also, es ist schon sehr "tricky", was hier passiert (lacht) - um auch mal einen Amerikanismus zu verwenden, nicht wahr?!