Verrückte wie wir

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

10.05.2003

Quelle

Neue Westfälische

Autor / Interwiever

Phillipp Kreutzer

Paderborn. Auch der Mann im hellen Leinenanzug applaudiert. Betritt die Bühne und legt einen Arm um Eugen Drewermann. Zum Zeichen des Dankes für eine emotionale Rede, in der der Theologe die Politik der USA auf das Heftigste gegeißelt und Soldaten als Mörder bezeichnet hat. Der Mann im Leinenanzug hat seine Form des Protestes bereits zuvor zu Gehör gebracht: Konstantin Wecker singt und spielt Klavier. Das, was von den Biografien der beiden Akteure bekannt ist, könnte unterschiedlicher kaum sein, und dementsprechend gespannt sind die Besucher auf den gemeinsamen Auftritt im Audimax der Universität: Wie passen diese Beiden eigentlich zusammen, der Lieder machende Lebemann mit Koks-Erfahrung und der gute Mensch von Paderborn, der manchmal das gesamte Leid der Welt auf seinem Rücken zu tragen scheint?

Wecker und Drewermann passen zusammen, das wird deutlich bei der Veranstaltung "Zwischentöne - Lieder und Gespräche über Menschen und Mächte". Sie sind Brüder im Geiste, weil sie Manches gemeinsam haben: Das Entsetzen über das Vorgehen der USA, die Wut auf George W. Bush. Und die Überzeugung, dass zum Wohle der Welt der kühle Verstand nicht über das Gefühl triumphieren darf. Verschieden sind lediglich die Formen, mit denen sie den Zuhörern ihre Inhalte zu vermitteln versuchen. "Soldaten, zu Killern ausgebildet, sind Mörder" Am Flügel singt Wecker: "Der Wahnsinn schleicht durch die Nacht, nennt sich Recht und Macht", am Rednerpult präzisiert Drewermann: "Die USA sind kein zivilisiertes Land." Ein anderer Schluss lasse sich nicht ziehen aus der Tatsache, dass George W. Bush der Tötung von mehr als 100 Menschen durch den elektrischen Stuhl zugestimmt habe. Und sich kürzlich in Siegerpose auf einem Flugzeugträger zeigte. Im Anschluss an einen Krieg, den Drewermann als den "verlogensten, zynischsten und vermeidbarsten der letzten 50 Jahre" bezeichnet.

Was denn eigentlich ein Vaterland sei, fragt sich Wecker. Und hat genauso wenig Verständnis wie Drewermann für diejenigen, die für das Vaterland ins Felde ziehen. "Soldaten, die man zu Killern ausbildet, sind, weil erfolgreich beim Training, Mörder", sagt Drewermann. Die Rechtfertigungen der USA für den Irak-Krieg nimmt Drewermann der Reihe nach auseinander. "Verlogene Humanität" nennt er das Argument, das irakische Volk habe von der Terrorherrschaft befreit werden müssen. Die Embargo-Politik der UN habe schließlich rund 1,5 Millionen Todesopfer gefordert. Saddam Hussein und Osama bin Laden als kooperierende Drahtzieher allen Übels darzustellen, sei absurd: "Diese beiden Leute haben nur eine Gemeinsamkeit - sie sind frühere Verbündete der USA."

Ebenfalls irrwitzig sei es, dass ausgerechnet die USA die Entwaffnung des Iraks eingefordert hätten. Denn die größte Gefahr durch Kampfmittel stellten die Vereinigten Staaten selbst dar: Auf 260 Millionen Einwohner kämen 250 Millionen Feuerwaffen. Drewermann verlangt, alle Staaten und Bürger zu entwaffnen. Und ermutigt seine Zuhörer, die Proteste gegen den Krieg fortzusetzen. Nun abzubrechen in dem Glauben, das Rufen nach Frieden habe zu nichts geführt, entspreche exakt dem Wunsch der US-Regierung. "Diese Bilanz müssen wir ihnen vermasseln", fordert er. Der Mann im hellen Leinenanzug sagts auf seine Weise: "Wenn die Welt auf den Kopf gestellt wird, muss auch der Umkehrschluss richtig sein, dass Verrückte wie wir richtig liegen."