Wut und Mut zur Naivität

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

20.05.2003

Quelle

Neues Deutschland

Autor / Interwiever

Martin Hatzius

Was bewegte den Sänger, der zuletzt vor geraumer Zeit mit Drogenexzessen und Knastaufenthalt für große Schlagzeilen gesorgt hatte, im Vorfeld des Irak-Kriegs in eben jenes Land zu fahren und lautstark gegen den "US-Befreiungsschlag" anzureden und anzusingen? Eine "kleinlich-laute PR-Aktion" witterte die Süddeutsche, eine Wiedergutmachungsaktion seines Drogenfalls die Berliner Zeitung, andere unterstellten ihm, niemandem als dem Diktator Saddam Hussein mit dieser Reise zu dienen. Dass Konstantin Wecker sich tatsächlich "nur" mit eigenen Augen von der Lage der Iraker überzeugen, "mit den Menschen in Bagdad sprechen" und sich ein unabhängiges Urteil bilden wollte, nahm ihm im misstrauischen Medienbetrieb zunächst kaum jemand ab.

Nach Weckers Rückkehr aus Bagdad traf ihn Hans-Dieter Schütt zum Interview für Neues Deutschland. Der Zeitungsredakteur begegnete keinem skandalsüchtigen PR-Profi, der um die Gunst der friedensbewegten Mehrheit der Deutschen buhlte, auch keinem verblendeten Verteidiger des irakischen Diktators, sondern - einem zweifelnden Menschen. Einem Menschen, der - statt vorgefassten Urteilen zu trauen, statt an den Zuständen, die ihn aufregen, zu verzweifeln - nach eigenen Antworten sucht, nach innerem Halt, nach subjektiver (denn nur diese kann es geben) Wahrheit. Und das - nicht nur in seinen Liedern - immer schon getan hat.

Gestern präsentierten Wecker und Schütt im Berliner Kino "Babylon" ein Buch mit "Widerreden und Fürsprachen" des Sängers, Dokumenten seiner Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden in der nach dem 11. September 2001 so veränderten Welt, seiner Auseinandersetzung auch mit Krieg und Frieden in seinem krisenerfahrenen Ich. Angeregt durch ihr Gespräch haben Autor und Herausgeber Weckers Tagebucheintragungen, mündliche und schriftliche Äußerungen, Interviews, Zeitungs- und Liedtexte der letzten Monate durchgesehen und eine Auswahl davon in diesem Band zusammengestellt, dessen Titel eine von Weckers nachdrücklichsten Liedzeilen zitiert: "Tobe, zürne, misch dich ein!"

"Sage Nein!" heißt das Lied. In einer Zeit, in der ein überzeugtes "Nein" den Menschen nur noch selten über die Lippen kommt, weil politische (und persönliche) Bekenntnisse verpönt sind und als lächerlich gelten, singt Wecker es unverdrossen. Auch das kurz aufflammende, dafür aber umso gewaltigere "Nein" zum Irak-Krieg auf den weltweiten Demonstrationen am 15. Februar kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es heute alles andere als selbstverständlich ist, eine klare Haltung einzunehmen. Zu komplex sind die globalen Zusammenhänge, über die es zu urteilen gilt, zu differenziert und widersprüchlich die Informationen, die auf die Menschen niederprasseln.

Konstantin Wecker tut es - trotzdem. Weil auch er unreflektierten Informationen misstraut, wählt er aus und gleicht ab mit dem, was er selber sieht und an eigenen "Wahrheiten" in sich trägt. Auf seiner Internetseite www.hinter-den-schlagzeilen.de präsentiert der aufmerksame Zeitungsleser - "subjektiv und unausgewogen", wie er selber sagt - solche Meldungen und Artikel, die gängige Darstellungen brüchig machen. Gleichzeitig horcht er in morgendlichen Meditationen in sich hinein, sucht die Stille und den Einklang mit der Welt. Der Welt, die er liebt - und um derentwillen er immer wieder, auch heute noch und gerade heute wieder "Nein" sagt und singt.

Es ist ein "Nein" zum Krieg, der nach Weckers Überzeugung niemals Frieden und Demokratie bringen kann, sondern immer nur neuen Hass sät. Es ist ein "Nein" zur Sattheit und Selbstzufriedenheit unserer Gesellschaft, in der Werte oft nur noch in Dollar und Euro gemessen werden und die Blindheit für den verarmenden Nachbarn, für die sterbende Umwelt stetig noch wächst. Ein "Nein" auch und vor allem zur Ignoranz des eigenen Ich, in dem alle Veränderung beginnen müsse. "Und wenn das alles blauäugig ist und naiv", so Wecker, "dann kann uns eben nur noch die Blauäugigkeit retten. Und die Naivität."