Musikalisches und moralisches Kraftpaket

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

15.05.2003

Quelle

Bremervörder Zeitung

Autor / Interwiever

Thomas Schmidt

Konstantin Wecker begeistert seine Zuhörer im Bremervörder Ratssaal

Bremervörde. Dieser Mann ist ein Kraftwerk - nicht nur von Statur. Musikalisch und nicht zuletzt moralisch wirft sich Konstantin Wecker mit Leib und Seele an die Tasten seines Flügels. Im Bremervörder Ratssaal hat er am Dienstag auf Einladung der Stadt das Herz und vor allem den Verstand seines Publikums erreicht. Bis in die letzte Stuhlreihe des ausverkauften Saals elektrisierte er seine Zuhörer mit Liedern über Waffenhändler, Weltfrieden und natürlich "Willy".

Und wenn der Liedermacher und streitbare Friedensaktivist auch immer wieder für Kontroversen gut ist, eines gelingt ihm dennoch: Die Menschen über Generationen hinweg zu einen. So hatte sich eine 92-jährige Dame aus Hamburg auf den Weg nach Bremervörde gemacht, um "ihren" Wecker zu hören. "Ob in Wien oder Bremervörde, ich bin dabei", schwärmt die Hanseatin. In der ersten Reihe freuen sich zwei Bremerinnen, die dem Künstler nachgereist sind und nach eigenem Bekunden den Charme der 60er Jahre in der Bremervörder Jugendherberge genießen. Apropos 60er Jahre. Dieses Jahrzehnt hat den Künstler Wecker entscheidend geprägt, wie er in seinen Anmoderationen nicht unerwähnt lässt. Selbstironisch besingt er inzwischen illusionslos gewordene Alt-68er. Auch wenn er inzwischen spielerisch mit den Ikonen dieses Jahrzents umgeht, hat er sich den kritisch-aufklärerischen Geist jener Zeit bewahrt, selbst auf die Gefahr hin, als "Gutmensch" verhöhnt zu werden. Den legendären "Willy", dem Wecker so gerne alles Leid und alle Ungerechtigkeiten der Welt andichtet, hat er über die Jahre gerettet. Und in Bremervörde wird aus dem Wecker-Klassiker ein mitreißendes Manifest gegen Lüge, Unmoral, Rassismus, Kriegstreiberei und Heuchelei.

Mit großem Beifall reagiert das Publikum, wenn Wecker sich kritisch mit dem Krieg der USA gegen den Irak auseinandersetzt. Es sei gewiss kein Zufall, dass die wichtigsten Mitglieder der US-Regierung eng mit US-Konzernen verbunden sind, die direkt von diesem Krieg profitieren, empört sich der Künstler. Für Wecker ist klar, dass die USA den grausamen Terroranschlag des 11. September als Vorwand benutzen, um eine neue Weltordnung unter ihrer Führung durchzusetzen.

Doch es gibt ihn noch - den anderen, den stillen Wecker. Traurige Lieder über Liebesleid, Liebesglück und Sinnlichkeit gehören gewiss zu den Höhepunkten seines Repertoires. Anders als in seinen Politsongs ist die Poesie dann feiner gewoben, die Symbole sind nicht mit der Axt geschnitzt, sondern mit dem Skalpell. Und wenn das Bremervörder Publikum nach einem mehr als zweistündigen Konzert stehende Ovationen schenkt, wird auch ein hervorragender Pianist gefeiert. Denn eines war Wecker nie, wie so viele seiner Zunft - ein Politbarde, der nur drei Akkorde beherrscht.