Unlängst

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

13.03.2003

Quelle

Frankfurter Rundschau

Konstantin Wecker

Anti-Bush-Trommeln


Als Beau mit großer Stimme betrat er die Arenen des Vergnügungskampfes. Seine Lieder lieferten den Soundtrack eines Lebensgefühls zwischen Aufruhr und dolce vita. In seiner besten Zeit verkörperte Konstantin Wecker alles, was ein Mann für Frauen in lila Latzhosen sein durfte. Nun ist auch er in die Jahre gekommen, aber die Gesten einer rebellischen Daseinsfreude stehen ihm immer noch zur Verfügung. Das sah man in der Unions-Halle, wo Wecker auf Einladung der Romanfabrik gastierte.

Er tourt zur Zeit explizit als Friedenssänger und spricht so vielen aus dem Herzen. Sein Credo lautet: "Kriege sind ein Bombengeschäft und sonst gar nix." Mit seinem Anti-Bush-trommelnden Solo-Programm trifft der Münchner Wecker ein Gefühl, das in Deutschland als Allgemeinplatz vorkommt. Er weiß nicht, was "ein Vaterland" ist, wohl aber, wie sich Heimat anfühlt. "Was wäre", fragte er, "wenn der amerikanische Präsident am Ende seiner Reden statt ´Gott schütze Amerika´, ´Gott schütze die Welt´ sagen würde?"
Seine Lyrik ist an Benn und Trakl geschult: Das macht sich gut in Verbindung mit einem starken Anschlag am Klavier und dem Pathos eines zeitgenössischen Barden, den die Gewissheit trägt, moralisch im Recht zu sein. So singt Wecker: "Der Wahnsinn schleicht durch die Nacht und nennt sich Recht und nennt sich Macht... er hat einen Mantel aus Kälte an." Solche Zeilen produzieren kollektive Wärme. Wecker gibt seinem Publikum das Gefühl, nicht einfach nur einer Unterhaltung zu frönen, sondern an der Formulierung einer politischen Aussage mitzuwirken: "Die Welt ist auf den Kopf gestellt, das lässt den Schluss zu, dass wir Verrückten richtig liegen." So was kann man leicht zu weit treiben, aber Wecker beherrscht den Balanceakt zwischen rumpelnder Verkündungsrhetorik und der hypnotisierenden Kraft gesungener Poesie: ein kraftgenialischer Dichter, der sich eine - den Text aufwertende - musikalische Umgebung schafft. Ein bisschen Bierzelt ist dabei und etwas Hochkultur, ein Hauch von Boogie und lauter Reverenzen an verflossene Zeiten, die eigene Karriere, die richtige Lektüre. Man glaubt Wecker, dass er bei seiner nach eigenen Angaben unkomplizierten Geburt gern "mehr action gehabt hätte." Ihn treibt ein vitaler Überschuss, den 35 Jahre Bühnenerfahrung wie einen Edelstein zu etwas Funkelndem geschliffen haben. tus