Demütigung der Demokratie

Kategorie

Pressespiegel

Veröffentlichungsdatum

25.03.2003

Quelle

n-tv

Autor / Interwiever

Solveig Bach

Der Liedermacher Konstantin Wecker hat sich von Anfang an gegen einen Krieg gegen Irak engagiert. Im Februar reiste er nach Bagdad, um sich ein eigenes Bild vom Land zu machen. Dafür wurde er scharf kritisiert. Auch an der großen Friedensdemo in Berlin am 15. Februar war er beteiligt. n-tv.de sprach mit Wecker über sein Engagement und seine Gefühle in Zeiten des Krieges.

Sie haben sich sehr persönlich gegen einen Krieg engagiert. Jetzt ist es anders gekommen. Wie fühlt sich das für sie jetzt an?

Entsetzlich! Das ist ein Gefühl der Ohnmacht und auch der Wut, weil ich schon die Hoffnung hatte, während meiner Reise und vor allem in den Wochen nach dem 15. Februar, man könnte den Krieg verhindern. Der Druck der Straße würde stark genug sein, um ihn abzuwenden. Ich fühle mich persönlich sehr mutlos und ich halte diesen Krieg für eine Demütigung der Demokratie.

War das auch ein bisschen naiv zu glauben, dass der Druck der Straße tatsächlich diesen Krieg verhindern kann?

Nein, dann wäre ja auch die UNO naiv gewesen. Ich glaube, eine gewisse Form von Naivität und Hoffnung gehört immer dazu und wenn wir die ganz aufgeben würden, dann bräuchten wir gar nicht anzufangen. Ich denke, dieser Vorwurf, dass die Friedensbewegung naiv sei, greift nicht mehr. Die Bewegung ist nicht naiv. Sie ist ganz anders als in den 80er Jahren. Da gab es zwar sehr fundierte Vordenker, aber ich würde mal sagen, da war es noch sehr viel emotionaler. Heute wissen die Leute weltweit sehr gut Bescheid.

Arundhati Roy hat so schön in ihrer flammenden Rede in Porto Allegre im Herbst gesagt, die geheime Geschichte Amerikas ist kein Geheimnis mehr. Ich persönlich betreibe seit ein paar Monaten eine Website mit meiner Frau, www.Hinter-den-Schlagzeilen.de, auf der wir gut recherchierte Berichte aus dem Netz und auch aus den Zeitungen sammeln. Die Leute sind viel fundierter informiert, wissen Bescheid und können die Propaganda-Lügen durchschauen.

Das greift nicht mehr, der Friedensbewegung Naivität vorzuwerfen. Das ist so ein Generalvorwurf, der gerne gemacht wird, Ich habe in einem Essay die Frage umgedreht, ich habe gefragt, wie naiv ist eigentlich die Kriegsbewegung? Wenn sie immer noch glaubt, mit den Mitteln, mit denen sie eine ungerechte Welt installiert hat, plötzlich eine gerechtere Welt zu schaffen.

Also man muss schon mal fragen, wo ist hier die Naivität angesiedelt, oder ist das vielleicht auch nur Verlogenheit. Am Ende komme ich zu dem Schluss, wenn die angebliche Kompetenz, also das Gegenteil von Naivität Verlogenheit ist, dann bin ich gerne naiv.

Sie haben in Bagdad ja auch persönliche Kontakte geknüpft und die offiziellen Wege sehr gemieden. Haben Sie nach den Angriffen denn schon mit jemandem gesprochen?

Ja, ich habe mit Alexander Christoph ein paar Mal telefoniert. Das ist der Leiter von "Architekten für Menschen in Not", einer Hilfsorganisation, bei der ich auch Mitglied bin. Das ist mein einziger Kontaktmann jetzt. Er ist im Moment in Amman, aber er wird so schnell wie möglich wieder nach Bagdad gehen. Er hat mir in Bagdad die Augen geöffnet. Mit ihm konnte ich auch die inoffiziellen Wege gehen. Wir sind zusammen nach Saddam City, wir haben uns eine Wasseraufbereitungsanlage angeschaut, durch ihn kam ich auch in einen intensiven Kontakt mit Leuten aus der Bevölkerung.

Er sagt, dass der Kriegsbeginn, was natürlich kaum thematisiert wird, auch der Beginn einer humanitären Katastrophe ist. Es gibt seit zwei Tagen keine Lebensmittel mehr zu kaufen, es gibt kein Wasser mehr zu kaufen, im Moment funktionieren zwar noch die wenigen Wasseraufbereitungsanlagen, die es dort gibt. Aber wenn es wirklich zu einer stärkeren Bombardierung kommt, dann werden die Menschen als erstes darunter leiden. Das Problem ist ja, bei allem Jubel über intelligente Bomben, es wird selten über die indirekten Folgen geschrieben.

Kinder, die seit 12 Jahren durch das Embargo unheimlich geschwächt sind, die kaum mehr Immunkräfte haben, werden sofort sterben, sobald sie auch nur ein bisschen verseuchten Wasser bekommen. Das sind dann die Toten, über die nicht berichtet wird.

Schon jetzt demonstrieren in Deutschland und überall auf der Welt Menschen gegen den gerade begonnenen Krieg. Ist es denn dafür jetzt zu spät oder kann man damit tatsächlich etwas bewirken?

Ja, man kann etwas bewirken! Ich rufe auch in meinen Konzerten immer wieder auf, gerade jetzt müsse man weitermachen. Ich halte diese sogenannte Friedensbewegung für eine Demokratiebewegung. Überall auf der Welt fällt auf, dass es demokratisch gewählte Staatsmänner gibt, die mit dem Rücken zur Wand stehen, was die Bevölkerung betrifft. Wir kennen ja die Zahlen, 90% in Spanien, in England, in der Türkei - überall ist die Mehrheit der Menschen gegen den Krieg. Man spricht von Demokratie und die Staatsmänner vieler Staaten tun etwas völlig anderes, als das, was das Volk will und ich glaube, das wollen sich die Menschen nicht mehr gefallen lassen. Und da kann man natürlich weiter machen und es stimmt, dieser Druck ist auch die einzige Chance, die wir haben. All jene, die uns immer noch vorwerfen, es sei eine Art "Gutmenschentum93, die sollen sich darauf besinnen, dass es das unerlässliche Regulativ jeder Demokratie ist, ihre Mittel auszunützen: auf die Straße zu gehen, gewaltlosen Widerstand zu leisten, zu demonstrieren. Das ist einfach notwendig.

Deutschland hat sich ja von Anfang an gegen diesen Krieg gestellt. Der Kanzler hat das immer wieder betont, hat aber vermieden, zu sagen, dies sei ein völkerrechtlich illegitimer Krieg. Das ermöglicht ein gewisses Maß an Hilfeleistung für die US-Truppen und für die britischen Truppen.

Das wundert mich nicht, denn wir dürfen nicht vergessen, dass Deutschland den USA uneingeschränkte Überflugrechte gewährt, dass es die US-Kasernen schützt, ein ABC-Kontingent in Kuwait stehen hat und mit Kriegsschiffen am Horn von Afrika ist. Das sind alles Dinge, die von meinem Gefühl heraus, nicht sein dürften.

Es gibt Länder, zum Beispiel Italien, die den Amerikanern weniger gewähren, obwohl Berlusconi auf Schmusekurs mit Bush ist. Außerdem gibt es viele kriegswillige Länder, die weniger logistische Unterstützung gewähren, als Deutschland. Obwohl es international so aussieht, als sei Deutschland total gegen den Krieg.

Sie hatten gestern Abend ein Konzert, sind derzeit auf Tournee. Inwiefern gehen sie auf ihren Konzerten darauf ein? Was haben Sie zum Beispiel gestern Abend gesagt?

Ich habe ein Programm, das sehr viel von meinen alten Liedern beinhaltet. Aber ich gehe von Anfang an auf die Thematik ein. Es geht auch gar nicht anders. Die Menschen sind gerade gestern Abend erschüttert gewesen von den Meldungen in der Presse und den Berichten im Fernsehen. Ich habe als erstes das Mathias Claudius Gedicht gelesen: "Es ist Krieg und ich begehre, nicht schuld daran zu sein93 Die Lieder die ich neu geschrieben habe, die ich auch auf den Demonstrationen gesungen habe, können natürlich nicht ein dreistündiges Programm füllen, dass sich nur mit diesem Thema beschäftigt. Ich sage auch an einer Stelle des Programms ganz dezidiert, dass man nie vergessen darf, dass ein mit sich selbst identischer Mensch, die wahrscheinlich wirkungsvollste Waffe gegen Gewalt ist. Zu dieser Identität gehört auch immer die Rückbesinnung auf sich. Also die reine Beschäftigung nur mit Politik ohne sich immer wieder selbst auch zu hinterfragen, was muss ich eigentlich an mir ändern, wenn ich wirklich einen konsequenteren Weg einschlagen will, hat keinen Sinn. Da kann natürlich die Musik unheimlich helfen, um sich wieder selbst auf sich zu besinnen. Das ist auch ein Ziel meiner Konzerte in den letzten Jahren und Jahrzehnten gewesen.

Ich denke, die Gefahr des abstrakten Denkens, die die Militärs zum Beispiel befähigt zu sagen, wir verschieben jetzt mal Menschen auf dem Reißbrett, 20.000 dürfen wir über die Klinge springen lassen, damit wir dann eventuell irgendwann 50.000 retten, das kann nur passieren, wenn man keine Identität mit sich hat und keine Verbindung zu seinen eigenen Gefühlen.

Es gibt ja auch den Vorwurf an mich, was erzählt er das den Leuten, die sowieso seiner Meinung sind. Ich merke trotzdem, dass es ganz wichtig ist, mit so einem Konzert den Menschen Mut zu machen und sie zu motivieren.

Denn das was im Moment das Denken beherrscht, ist ein altes Denken, es ist ein Denken, das nicht aus dem Schema der letzten Jahrhunderte herauskann, dass Konflikte nur mit Gewalt gelöst werden können, dass Dialoge nicht ehrlich geführt werden. An dieser Stelle brauchen wir kreative Kräfte. Ich glaube, in dieser Friedensbewegung sind ganz viele Menschen, die ganz viele gute Ideen haben, denen sollte man eine Chance geben.

Sie sind ja nicht nur politisch engagierter Künstler, sie sind auch Vater. Gerade Kinder haben ja sehr eigenartige Gefühle in diesen Tagen. Was sagen Sie Ihren Kindern?

Das ging ja schon los, als ich in den Irak wollte, dass mein großer Sohn (6) fragte. Ich habe ihm erzählt, dass ich auch zu anderen Kindern in den Irak fahre. Ich habe ihm auch nach der Reise erzählt, dass ich dort ein Patenkind habe. Dann hat er mich gefragt, wann er mit dem spielen kann. Da musste ich ihm erklären, dass das im Moment nicht geht, dass ich wegen des Krieges auch gar genau nicht weiß, ob ich ihn überhaupt jemals wiedersehen werde. Ich kann und will ihm noch nicht so genau den Krieg erklären, weil ich glaube, dass er noch nicht versteht, was das ist.

Ich kann ihm erklären, dass es auf der Welt sehr viele Kinder gibt, denen es nicht so gut geht. Als ich dann ein paar Spielzeuge einsammelte, um sie den Kindern im Irak mitzubringen, habe ich erklärt, warum ich das tue.

Daraufhin hat er mir zuerst die Sachen gegeben, die er überhaupt nicht mehr mochte. Aber nach einer Viertelstunde kam er dann und hat mir etwas zugesteckt, was ihm sehr am Herzen lag und gesagt, nimm das doch auch mit. Das fand ich sehr schön. Kinder sind mit sich identisch und haben noch ein ganz tiefes Mitgefühl und das gilt es bei uns Erwachsenen wiederzuentdecken.